Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1928)
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 68 (sequence 68)
- Language
- German
- Belongs to
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68 Musikalisches und religiöses Erlebnis giöse Begeisterung zu höherer Glut emporwachse. Niemals aber hat die Musik mit ihrem Anteil an religiöser Erhebung den Rahmen gesprengt, in den sie als Dienerin des Heiligen hinein• gestellt war. Die Musik ״erschafft eine ganz neue Welt... und diese neue Welt ist der Mensch in der neuen Bedeutung seines ästhetischen Bewusstseins“ 7). So erschafft auch die Heiligung durch das religiöse Erlebnis einen neuen Menschen. Wagen wir den Vergleich: Musik will immer nur sich bewegen, fliessen, d. h. Spannungen rhythmischer, harmonischer, melodischer Art herbeiführen und lösen. Auch ein aus vollem Herzen strömendes Gebet löst Spannungen, befreit von Hemmungen der Seele. Die Kraft heisser Worte der Inbrunst wird verstärkt durch ihre künstlerische Gestalt, durch die Weihe der dichterischen Form. Wohl kann eine ästhetische Tat sittliche Elemente so durchdringen, dass sie in der Form stärker gebunden sind, es können sich beispielsweise religiöse Werte und die künstlerisch geformte Sprache des Gebetes, auch wohl edle Melodien und Harmonien wechselseitig durchfluten; aber niemals kann das ästhetische Erlebnis das religiöse Erlebnis vollständig ersetzen» Selbst der schaffende Künstler benutzt in seinem schöpferischen Erlebnis, wenn auch oft unbewusst, die notwendigen, selbstverständlichen Hilfsmittel der technischen Kenntnisse. Weit befangener, weit unfreier noch ist das künstlerische Erlebnis des nachschaffend Geniessenden, des Spielers oder Hörers, der sich nie lösen kann von dem Wissen um eben dies Nach schaffen, von dem Wissen, dass ein anderer dies geschaffen und geformt hat. Wohl aber lässt das religiöse Erlebnis den Erlebenden aufgehen in der Inbrunst des Gebetes, — des Flehens, des Dankes, der Zerknirschung, — lässt ihn sogar vergessen, dass die Form seines Gebetes vorgeschrieben ist, dass ein anderer sie geprägt hat, dass Tausende mit denselben Worten ihr Flehen, ihren Dank, ihre Zerknirschung vor G’tt ausschütten. 7) Herrn. Cohn, Aesthetik etc. II. S. 186.