Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1928)
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 67 (sequence 67)
- Language
- German
- Belongs to
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■■■■■MllilMWMIMMBiM■——■I————B Musikalisches und religiöses Erlebnis 67 lieh fiiessenden Quellen. Um ihren Werken ein jüdisches Gepräge zu verleihen, entnahmen sie vielfach Motive und Themen dem altjüdischen Chasonus. So sollten sich heterogene Elemente zu einem musikalischen Kunstwerk verbinden! — Hätte man an die Traditionen des durchimitierenden a capella-Stiles angeknüpft, wie er im 15. und 16. Jahrhundert in den Niederlanden, Spanien und Italien zur höchsten Blüte gelangt ist (Lasso, Gabrieli, Palestrina), dann wäre man der Eigenart des altjüdischen Gesanges näher gewesen. Damals (im 15. und 16. Jahrhundert) baute man derartige Werke in höchster kontrapunktischer Meisterschaft auf Motiven auf, die wörtlich den alten Choralweisen, Hymnen, Prosen und Sequenzen entnommen waren; diese wiederum stehen in Urverwandtschaft mit den alten Melodien des Tempelgesanges. Erst im Laufe des 10. bis 12. Jahrhunderts, mit dem Aufkommen der Mehrstimmigkeit, erhielt das Wort Chor allmählich seinen heutigen Sinn. Vorher hatte der Name Chor nichts mit Mehrstimmigkeit zu tun, sondern ״die ältesten Chöre der christlichen Kirche sangen wie die die antiken stets unisono oder in Oktaven*. (Hugo Riemann, Musiklexikon, 1916, 8. v. Chor.) Es ist heute eine in der Musikwissenschaft feststehende Erkenntnis, dass der frühmittelalterliche Kirchengesang das Erbe des altjüdischen Tempelgesanges ziemlich unbefangen angetreten und erst später syrische, alexandrinische, griechische und byzantinische Elemente in sich aufgenommen hat. Aber auch dort war zunächst die ganze betende Gemeinde einheitlich beteiligt, erst später, im 11. Jahrhundert, ,ist der Gemeindegesang in der Kirche immer mehr zugunsten der Ausführung durch einen eigens vorgebildeten Bängerstand beschränkt worden.״ (A. Einstein, Geschichte der Musik. Lpz. 1920, S. 11). So ist der Ruf ״Zurück zum Gemeindegesang in unseren Synagogeni“ auch historisch begründet. (Vgl auch Carlebach, a a.O. S. 684 ff.) Denn wenn wir auch meinen, dass der Responsorialgesang mit seinem Heranziehen der Gemeinde dem Wesen der jüdischen g’ttesdienstlichen Formen ursprünglich entspricht, so schliesst das doch nicht eine organische Weiterentwicklung seiner musikalischen Elemente aus. Es verbietet sich dadurch auch nicht etwa, dass musikalisch-liturgische Typen verwertet werden, die sich an den Stil der späteren liturgischen Poesien in ihrer Bindung durch Reim und Vers anschliessen. Aber eine;Stilvermengung, wie wir sie oben gekennzeichnet haben, die sich in der Praxis durch ihr Versagen selbst ad absurdum geführt hat, sollte uns doch veranlassen, auf unser Ureigenstes im Musikalischen zurückzu־ greifen, besonders wenn wir wissen, dass es da, wo es heute noch in seiner reinen Form angewendet wird (wie z. B. im Osten) seine Aufgabe voll erfüllt. Im Chassidismus spielt die Musik allerorts eine bedeutende Rolle. Gesang und Geigenspiel erklingen dort, damit die reli-