Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1928)
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 66 (sequence 66)
- Language
- German
- Belongs to
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66 Musikalisches und religiöses Erlebnis Die Musik als Selbstzweck zur Freude des Ohres trat dabei in der Praxis vielfach in den Hintergrund. Zur Zeit der Hochblüte der Polyphonie im 15. und'16. Jahrhundert stand die Musik ganz im Dienste des Religiösen. Sie nahm im Gottesdienste eine zentrale Stellung ein und konnte daher im Katholizismus als der Religion der Stimmung zeitweilig in den Vordergrund treten, wenn sie auch durch die festgelegte Form der Messliturgie innerhalb gewisser Schranken gebunden war. Bibel und Talmud weisen oft darauf hin, welchen Rang die Musik im jüdischen Kultus zur Zeit des Tempels einnahm. Mit dem Untergange des jüdischen Staates und der Zerstörung des Tempels wurde eine hohe Kunstbetätigung in ihrer Ent- Wicklung unterbrochen. Wir haben kein Recht, einen Sprung über Jahrhunderte hinweg zu machen und da in den musikalischen Formen für den Gottesdienst wieder einzusetzen, wohin die anderen Völker in ihrer ungehemmten ästhetischen Entwicklung gelangt sind. Wenn wir in der Sprache unserer Gebete streng an der überkommenen Tradition festhalten, so ist es ein Anachronismus, wenn wir diese Gebete in der Ausdrucksweise der westeuropäischen Musik des 19. Jahrhunderts vortragen. Der Responsengesang mit seinem altüberlieferten Melodienschatz entspricht allein der Gebetsform, die seit Jahrhunderten unverändert geblieben ist. Ueber die Stellung des Chores innerhalb des jüdischen G’ttesdienstes unserer Tage hat Herr Oberrabbiner Dr. J. Carlebach-Altona in seinem Aufsatz ״Der G’ttes dienst in den Synagogen der Gegenwart״ (in dieser Zeitschrift Jahrgang XIV, Heft 11/12) Entscheidendes gesagt. Als man den mehrstimmigen a capella-Chor in unseren G’tteshäusern einführte, ahmte man m. E. bewusst nichtjüdische Gebräuche nach. Dabei konnte man aber im gesetzestreuen Lager zumindest von vomherein nicht in einen ernsthaften Wettbewerb mit den gegebenen Vorbildern treten; denn Orgel, Orchester und Frauenstimmen schieden von Anfang an aus. Die jüdischen Kantorenkomponisten — deren musikalisches Können und Wirken durchaus nicht geringgeschätzt werden soll — standen in voller Abhängigkeit vom musikalischen Zeitgeschmack. Sie schrieben im Stile des mit dem 19. Jahrhundert aufgekommenen schlichten Chorliedes und benutzten die aus Schulgesang und Liedertafel, Gesangvereinen und Sängerbünden, Oper und Konzertsaal reich-