Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1928)
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 65 (sequence 65)
- Language
- German
- Belongs to
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Musikalisches und religiöses Erlebnis 6& lebnis im Endlichen, während das religiöse Erlebnis den erlebenden Menschen selbst in seiner Heiligung über Raum und Zeit hinaushebt, ln solchem Sinne empfand die Romantik die Musik als Schlüssel zum Unendlichen: ״Im Himmel gibt es heilige Räume, die sich nur öffnen durch Lied und Gesang.“ (Tieck), d. h. das musikalische Erlebnis kann mit ein Teilausdruck des religiösen Erlebnisses sein. König David, dem Sänger der Psalmen, ersteht aus der Vorbedingung der sittlich-religiösen Inbrunst das künstlerische Erlebnis. Seine Musik und seine Dichtung werden ihm zum Ausdruck religiösen Erfiilltseins. Und er fordert die ganze Welt auf, sich gleich ihm von der Töne Gewalt forttragen zu lassen zu religiösem Erlebnis: ״Singet ihm ein neues Lied, drückt es in Tönen aus bei tief innerer Erregung״. (S. R. Hirsch, Psalmen, 33,3). Auch der Midrasch kennt das Hinaufreichen der Musik in die höhere Welt des Geistig-Reinen, kennt ihre Kraft und ihr Streben, sich von der Fessel irdischer Gebundenheit zu lösen, um dem Heiligen zu dienen, kennt aber auch die Grenzen, die in ihrer einmaligen, endlichen Erfüllung liegen. ״Es sagt Rabbi Chelbo im Namen des Rabbi Samuel, Sohn des Nachman: Niemals kann eine Gruppe himmlischer Heerscharen G’ttes Loblied zweimal singen. Vielmehr erschafft der Heilige, gelobt sei Er, an jedem Morgen eine neue Gruppe Eugel; diese singen ihm ein neues Lied und gehen davon״. Zu allen Zeiten waren musikalisches und'religiöses Erleben eng miteinander verknüpft. Die streng mathematische Auffassung der musikalischen Grundverhältnisse wurde schon zu Zeiten der Pythagoräer zu spekulativ-theoretischen Zwecken auf die sogenannte Sphärenharmonie übertragen und während des ganzen Mittelalters von der Kirche in religiösem Sinne gedeutet: man übertrug die Beziehungen, die sich aus den einfachen Zahlen- Verhältnissen der gebräuchlichsten konsonierenden und dissonierenden Intervalle ergaben, auf die Beziehungen zwischen G’tt und Mensch, Tag und Nacht, Himmel und Hölle, den Kreislauf der Gestirne und auf dogmatische Grundbegriffe der Religion. 5