Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1928)
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 64 (sequence 64)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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64 Musikalisches und religiöses Erlebnis Die Geburtsstunde des religiösen Erlebnisses ist die göttliehe Offenbarung. Die Auserwählten, an die der göttliche Ruf erging, Träger der Offenbarung zu sein, die Propheten, drängte die Kraft des religiösen Erlebnisses, es hinauszurufen, andere Menschen daran teilnehmen zu lassen, damit ihr religiöses Erlebnis sich auswirke wie der Stein, der, ins Wasser geworfen, immer weitere Kreise zieht. Und das war ihre göttliche Sendung. — In die Sonne schauen können wir nicht, nur ihre wirkende Kraft erleben, ihren Widerschein. Ebensowenig können wir uns hinein versetzen in den Vorgang der göttlichen Offenbarung, wie ihn die Propheten erlebten: auf uns strahlt nur die Glut der von G’tt eingegebenen Worte und das Licht der heiligen Gedanken. Ein gewaltiger Abstand trennt ein derartiges religiöses Erlebnis mit seiner Ausstrahlung aus dem Transcendentalen von jenem inneren Erlebnis, das den Künstler zwingt, sich der Welt mitzuteilen. Und doch scheint auch ihm, dem Künstler, seine Eingebung unirdischen Ursprungs zu sein, ein Gnadengeschenk des Himmels, unerforscht und unerforschbar in seiner Herkunft. Wohl wissen wir, dass in der künstlerischen Tat nicht G’ttes Auftrag erfüllt wird; im Gegensatz zu den Propheten, die in ihrer Sendung nur Objekt G’ttes, Uebermittler seines Willens sind, tritt vielmehr beim schaffenden Künstler das Menschlich- Subjektive in den Vordergrund. Nur so können wir es überhaupt wagen, die Begriffe künstlerisches und religiöses Erlebnis einander zu nähern. Denn ein Hauch aus einer reineren, der G’ttheit näheren Welt weht um den unserem Verstände verschleierten Vorgang der künstlerischen Eingebung. Für den Wert des Kunstwerks ist die ״Reinheit der Vorbedingungen5״) wesentlich. Eine der künstlerischen Vorbedingungen ist die sittliche Gesinnung, im gleichen Masse wie sie Bedingung für die religiöse, d. b. geheiligte Tat ist. Die Musik ist zwar die körperloseste aller Künste, diejenige, die sich am meisten von irdischen Fesseln lösen kann, aber trotz der sittliehen Vorbedingung ist das musikalische Erlebnis nur ein Er- 5) Ders., Aesthetik des reinen Gefühls, Berlin, o J. II. Teil, S. 305.