Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1928)
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 63 (sequence 63)
- Language
- German
- Belongs to
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Musikalisches und religiöses Erlebnis 63 Wunder, der Klangstern. Die Musik braucht keinen Dolmetsch, sie spricht unmittelbar zu uns wie die Natur, ״ihre Empfindung trifft die menschliche Brust mit jener Intensität, die vom ״Begriffe* unabhängig ist.“* 2) Gegenstand des religiösen Erlebnisses ist das Heilige, getragen von der Idee des Guten. Das Gute in seiner selbstverständlichen Form lallt unter den Begriff des Sittlichen. Religion aber fordert mehr. Sie steigert das Gute über seinen Eigeazweck hinaus, um den Menschen damit zur ״Heiligung“ zu erheben. Diese Heiligung ist die Vorbedingung für den Wert jeder religiösen Tat. Bevor das jüdische Volk am Sinai die Gebote und Verbote empfing, wurde ihm das Wie für die Erfüllung der Gesetze gewiesen mit den Worten: ״Ihr sollt mir ein Reich von Priestern und ein heilig Volk sein.“3 4) Eben darum ist das Judentum die ״Gesetzesreligion*, weil seine Forderungen unbedingt vom Erlebnis zur Tat gehen. Der Antrieb zu unserem Tun, um es zu heiligen, muss die כמה sein. Das wird deutlich an den Forderungen, die unsere Religion an den Einzelnen stellt. Auf das unbedingte Zusammengehören von religiösem Erlebnis und religiöser Tat weisen die Propheten hin, wenn sie in heftigen Worten gegen die andachtslose Form des Gebetes und des Gottesdienstes eifern. Alle Religionen haben sich von jeher der verschiedensten Künste bedient, um Andacht und Sammlung in den Herzen der Gläubigen zu steigern, um die ״religiösen Gedanken in Gefühle zu zerschmelzen“*). Darin kommt die Musik der heiligen Welt des Religiösen am meisten entgegen und nähert sich ihr. Aber man hüte sich vor Vermischung von Aesthetik und Religion; wenn die Grenzen zwischen beiden verwischt werden, wird damit auch der Gradunterschied aufgehoben, durch den das Heilige unbedingt über dem Aesthetischen stehen muss. Für uns Juden ist Kunst im Zusammenklang mit Religion nur Dienerin des Heiligen. 2) P. Busoni, Entwicklung einer neuen Aesthetik der Tonkunst; Lpz., o. J., 8. 8. 3) 2. B. M., Kap. 19, V. 6. 4) Herrn. Cohen, Ethik des reinen Willens, Berlin 1921, S. 58.