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Jeschurun · 1928-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1928) · p. Seite 62

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
15 (1928)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1928)
Date
1928-01-01
Page
Seite 62 (sequence 62)
Language
German
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«2 Musikalisches und religiöses Erlebnis Musik in ihrer Bewegung sueht auch, sie' sucht die Endharmonie,‘ die für sie Erfüllung bedeutet. Musik ist auf die Zeit projizierte Bewegung. Ein tiefes Mystreium liegt in der Tatsache, dass Musik endlich zur Erfüllung gelangt. Man kann sich kaum einer Empfindung des Schmerzes erwehren: denn Erfüllung ist Ende, ist Aufhören. Glückseligkeit kann nur im Wunsche liegen, Ideale sind unerreichbar, darum verlieren sie nicht ihren Reiz für uns. In eben dem Masse wie das Lehen mehr ist als der Tod, ist Bewegung mehr als Ruhe. Durch die Malerei und die Poesie wird nicht das Werdende, das Entstehende ausgedrückt so wie es die Töne vermögen. Denn einerseits treten bei den anderen Künsten die Gesetze, denen sie gehorchen müssen, allzu deutlich hervor und verdunkeln dadurch den Eindruck des Geheimnisvollen, anderseits ist ihre Ausdruckskraft gerade in dem Augenblick, da sie ihre Aufgabe erfüllen, nicht so durchsättigt und inhaltsschwer, nicht 80 stark und glückserfüllt wie der Schlussakkord und das Ausklingen einer lebendigen Musik, wo die vielfaltig verschlungenen Stimmen und Melodien münden wie grosse Ströme in das unendliche Meer. Musik ist Symbol göttlichen Wirkens, das noch kein Menschenauge erschaut hat. ״But here is the finger of God, a flash of the will that can, Existent behind alllaws, that made them and, 10, they are!'1) Göttliches Wirken dauert fort, während alle Musik letztlich ihre Erfüllung erreicht und dann vergeht. Frei und ungebunden schweben die Töne im unendlichen Raum, aller Hemmungen ledig, gänzlich unbestimmt, nichtig durch ihre Beziehungslosigkeit. In seinen Gedanken, einzig und allein mit seinen Gedanken, greift des Musikers Meisterhand hinein in das Irgendwo und Ueberall, wo die Töne sich aufhalten. Er erfasst einen Ton, hält ihn in Gedanken vor sich hin, wie man betrachtend einen Edelstein vor sich hinhält. Dann mischt er in Beinen Gedanken den einen Ton mit zwei anderen, deren Auswähl den Meister verrät, und es erscheint jenes rätselhafte י) Robert Browning, »Abt Vogler“, Leipz., Edit. Tauchnitz, Vol 1198 S. 85.

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