Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1928)
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 56 (sequence 56)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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56 Aus Israel Zangwills usw. Wagners Dichtungen) leichthin mit grober Hand zerstört. So kommt es leicht, dass heutzutage jeder Jüngling, der an psychischerotischen ״Verdrängungen“ leidet, sich für einen ״Psychoanalen“ (Karl Kraus) hält, Komplexe in sich und andern entdeckt, er nennt alle seine Augenblicksstimmungen kostbare Offenbarungen, nimmt Eltern, Erzieher, Vorgesetzte für zurückgebliebene Philister, die seine Bahn stören, und vergisst dabei jede Rücksicht und natürliche Autorität, vergisst leichthin, welch ein feiner, langsam gewordener Organismus die Zivilisation und Kultur eines Volkes ist und welche Verantwortung ein jedes Glied der Gesellschaft für die und durch die Erhaltung der Autorität und Solidarität darin trägt. Gewiss, sagt Zangwill, ein Genie darf zu Zeiten die Schranken der Konvention ohne Gefahr durchbrechen, unser erprobter Gesellschaftsorganismus ist weit genug und kann solche Ausnahmen vertragen. — Doch es muss einen Standard, eine Konvention der Sitte und Moral, einen Wertmesser für Gut und Böse geben, wenn eine Gemeinschaft fortbestehen 8011! Es darf nicht rücksichtsloser Individualismus und Subjektivismus und egozentrische Selbstanbetung die Maxime einer aufstrebenden Jugend werden, wenn nicht die ganze heutige Gesellschaftsordnung zum Chaos werden soll. ״The romantic circles you admire (80 ruft Zangwill) I find heavy with heartbreak and egoism, emptier of moral beauty than even the spheres of the bourgeois.“ Also nur die Auswüchse und bedenklichen Symptome der Ausbreitung der Psychoanalyse möchte Zangwill mit seiner satirischen Peitsche treffen, keineswegs aber ihre Wissenschaftliehen Werte und Erfolge auf psychopathologischem Gebiete bestreiten. Darin werden wir ihm, so glaube ich, wohl Recht geben müssen. Auch nach unsrer Meinung hat die Verwirrung der Begriffe und des einfachen Empfindens in gewissen jugendlich-modernistischen Köpfen bis zu einem bedenklichen Grade Platz gegriffen (vgl. Hans Blüher, Die Rolle* der Erotik in der männlichen Gesellschaft, Band I: Der Typus inversus, Band II: Familie und Männerbund, Jena 1920). Ist doch schon der Säugling in der Wiege ein Angriffsobjekt für die Freud-