Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1928)
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 55 (sequence 55)
- Language
- German
- Belongs to
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Aus Israel Zangwills usw. 55 liehen Boykott. Was hat das aber mit der Psychoanalyse als Wissenschaft zu tun? Ist diese Wissenschaft deshalb als unmoralisch zu brandmarken? Weil einzelne Kreise erotisch überhitzter Jungmannschaften diese Wissenschaft als Freibrief zur Lockerung ihrer sexualen Wallungen benutzen und falsche Konsequenzen daraus ziehen — deshalb sollte diese Wissenschaft in toto in ihren Folgen verderblich und götterstürzend genannt werden? Die Erfindung der Elektrizität, der Spreng- Stoffe, der Ozeanfiugkunst, die Entdeckung und Erforschung der Bakterien hat manches Menschenleben gekostet — sind deshalb diese Erfindungen mit ihrer Entbindung latenter Naturkräfte minder segensreich zu nennen? Wir halten den Denker Zangwill nicht für so kleingeistigunwissenschaftlich, ja lächerlich altmodisch, dass er im Ernst der Psychoanalyse als Wissenschaft den Kampf ansagen und ihre Kompetenz bestreiten wollte, dazu zeigt sich Zangwill als viel zu klug und selbst fortschrittfreundlich und revolutionär genug (man denke an seinen Kampf gegen das Kirchendogma, gegen den Völkerbund, gegen den Zionismus als doktrinären Nationalismus). Nicht gegen die gute Sache der Psychoanalyse als Wissenschaft richtet sich seine Satire, sondern gegen ihre Popularisierung und Banalisierung durch Unberufene und Halbgebildete, gegen den Modekultus, der diese junge Wissenschaft zum Vademecum und Zauberschlüssel für alle Probleme der Religion, Kunst, Aesthetik, Erziehung erheben, als Analysierwerkzeug und Wünschelrute auf der Suche nach sexuell - erotischen Kindheitserlebnissen und zumeist Inzest- Motiven angewendet wissen möchte ף und dabei den Zauber seelischer Urphänomene und die unerforschlichen Geheimnisse dichterischer Konzeption (in Shakespeares, Goethes, R. *) vgl.*z. B. das Buch von Albert Mord eil, The Erotic Motive in Literature, London 1919 (Psychoanalitical Studies of: Keats, Shelley, Poe, L. Hearu, Byron, Swinburne, Bronte, Dickens, Carlyle, Goethe, Wordsworth, Balzac, Browniog, Rousseau, Whitman, Kipling).