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Jeschurun · 1928-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1928) · p. Seite 54

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
15 (1928)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1928)
Date
1928-01-01
Page
Seite 54 (sequence 54)
Language
German
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54 Ans Israel Zangwills usw. zur Wissenschaft erhoben (indecency reduced to a Science)? Ist die Psychoanalyse, die hauptsächlich die Heilung psychopathisch Erkrankter, an Zwangs- und Angstvorstellungen Leidender zur Aufgabe sich stellt und keineswegs zum Tändelwerkzeug erotisch entflammter Jünglinge und Jungmädchen oder wissenschaftlich dilettierender Dichterlinge und Schöngeister dienen soll — ist die Psychoanalyse identisch und schuldverwandt mit dem wissenschaftlich schillernden Dilettantentum Wiener Cafeliteraten und halbreifer Jugend beiderlei Geschlechts, die tollwütig alles niederrennen, was sie am Ausleben ihrer Triebaffekte hemmen könnte? Sie leiden (und wir alle leiden) am Bewusstwerden des Untermenschlichen in uns, die wir als moralische Charaktere in uns niederkämpfen, die sie, das neue Geschlecht, vollbewusst und absichtlich ans Tageslicht zerren. Sie stürzen die Ideale der alten Moral- und Gesellschaftsordnung über Bord, sie wollen Herrenmenschen sein, gefühls-, konventions-, mitleids-, moralfreie Geschöpfe werden, eine Herrenmoral gründen. — Doch kann man diese Lehre des schrankenlosen Egoismus, des Ichkults, des krassmaterialistischen Selbstwohlergehens — kann man diese lediglich oder wesentlich der Psychoanalyse zur Last legen? Sind nicht ebensosehr, zeitlich wie ursächlich, noch ganz andre wichtige Komponenten hierbei am Werke: die Verwirrung der Gefühlsrichtungen durch den Krieg mit seiner Nivellierung und Kevolutionierung alles Geheiligten; Nietzsches Herrenmenschentum, Ibsens und Strindbergs Verkündung eines neuen Eheideals und seine Gesellschaftskritik, 0. Wilde’s Vergötterung der Schönheit als höchstes Gut und der Jugend als Selbstzweck (vgl. Das Bildnis des Dorian Gray); John Galsworthy’s stille Bevolutionierung der englischen Lebensformen und sozialen Strukturen; vor allem Bernard Shaw’s Verherrlichung der Individualrechte des Kindes gegenüber den Eltern, überhaupt Shaws Forderung einer Emanzipation des Individuums: Weib, Gattin, Kind, Schüler usw. von den Banden der herrschenden Gesellschaftsmoral, von der Bevormundung durch Eltern, Erzieher, Staat und gesellschaft-

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