Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1928)
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 53 (sequence 53)
- Language
- German
- Belongs to
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Aas Israel Zangwills usw. 58 Zucht und gesellschaftliche Sitte gebändigt, dünkt sich mit einem Schlage als Märtyrer und Opfer der altüberkommenen Geschlechtsmoral; alle leiden sie jetzt an ״Verdrängungen“, ״Affekten“, ״Komplexen“ (Vaterkomplex, Kindheitserlebnisse, Zwangsneurosen, Narzismus usw.), sie nehmen sich furchtbar wichtig und halten sich für den Nabel, den Mittelpunkt der Welt und Schildhalter einer völlig neuen Weltordnung; sie studieren sich von allen Seiten, beobachten sich und ihre Umgebung (inklusive Eltern) auf Fehlleistungen, Versprechen, Verhören, Komplexe, Träume usw.), ziehen grosse und weite Assoziationen heran, und verurteilen vor allem alles Althergebrachte in Grund und Boden. Dabei begehen sie (80 stellt es Zangwill dar) den Verhängnisvollen Fehler, letzte und höchste erprobte Ideale und Grundge fühle der Menschheit: kindliche und elterliche Gefühle, Liebe, Zärtlichkeit, Pietät, Tradition, Achtung vor Alter und Hilfslosigkeit, Einehe, Familientreue, Kindererzeugung — kurz, die höchsten Kulturgüter wahllos mit Füssen zu treten; das sind für sie alles überlebte Ideen von gestern, nur das eigene Ich, die Tyrannis des eignen Selbst hat Geltung. Sehr geistvoll bemerkt Zangwill (in seinem Nachwort): In gewissen hypermodernen literarischen Zirkeln dürfe man von kindlicher Liebe, moralischer Schönheit, Opfermut usw. gar nicht sprechen, ohne der Lächerlichkeit zu verfallen. ״One hardly dares mention innocence or honour, or to remind our dramatic critics that the true domestic triangle (Dreieck) is not husband, wife, lover, but husband, wife, child.“ — Doch gehen wir Zangwills überscharfen Angriffen auf Freud1) kritisch zu Leibe: Ist das wirklich wahr, was er einen Vertreter der alten Generation, den Prof. Sundale, im Stücke sagen lässt: Die Psychoanalyse ist nichts als die Unanständigkeit ') Es sei hier daran erinnert, dass die Freud’sche Theorie in England und Amerika weit einflussreicher und populärer ist als hierzulande und dort eine ganze wissenschaftliche Literatur erzeugt hat und in unzähligen Romanen (D. H. Lawrence, Rose Macaulay u. a.) und Dram en sowie Zeitungsartikeln als ständiges Requisit wiederkehrt.