Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1928)
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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6 Von der Wurzel usw. Ein Analogon zu den Karäern, die ebenfalls zu ihrem סבל הירושה greifen mussten. Nur dass im Protestantismus ebenso wie bei den Karäern, das gewaltige Erbgut, das durch die schöpferischen Geister der grossen Vergangenheit aufgehäuft war, leichten Sinnes aufgegeben und bei den Epigonen der grosse Streit der Alten zum Gezänk der Kleinen wurde. ״Die Folgezeit der Orthodoxie kann dementsprechend nur als eine Art von Karrikatur betrachtet werden, aus der geistigen Impotenz des 17. Jahrhunderts geboren, hat sie die religiöse Innigkeit des Luthertums vertauscht mit dem dürren Formelkram einer unselbständigen Wissenschaft, deren abstruse Gewohnheiten sie in noch abschreckenderer Weise gepflegt hat als das Mittelalter selbst1״). Aber auch für die neuere Zeit, die sich eines besseren besann, konnte die Rückkehr zu den ersten Impulsen der Anfange der Reformation keine Rettung bringen. Der Rationalismus und Deismus des 18. Jahrhunderts wurde freilich durch die Romantik und Schleiermachers Gefühlsreligion überwunden. Aber die dann einsetzende religionsgeschichtliche Beurteilung der heiligen Urkunden brachte die Offenbarungsquellen um jede Autorität und ob man mit Harnack und anderen den Prozess der Ueberwindung des Dogmas schon mit der ersten Zeit des Abfalls vom Katholizismus beginnen lässt oder mit anderen Theologen erst mit dem vorigen Jahrhundert, für die Jetztzeit steht es fest, dass es dem Protestantismus an jedem Kriterium fehlt, seine Glaubenssätze zu normieren, es sei denn, dass sie aus dem verschwommenen christlichen Allgemeinbewusstsein abgeleitet werden, wie es seinen Niederschlag in den Gliedern der Glaubensgemeinschaft gefunden. Man könnte Mitleid empfinden mit den zur Ergebnislosigkeit verurteilten Versuchen, diesen Tatbestand zu verschleiern2). Deutlich genug hat es Tröltsch ausgesprochen, wenn er sagt: »Für den modernen *) Carl Stange: Das Dogma und seine Beurteilung in der neueren Dogmengeschichte S. 15. Das obige Urteil ist übrigens allgemein angenommen. 2) Vgl. u. v. a. R. Seeberg: Die Grundwahrheiten der christlichen Religion S. 60—68.