Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1928)
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Von der Wurzel usw. 6 Zuhilfenahme eines mystischen Gedankens von dem heiligen Geist, der bei diesen Entschlüssen die normbildenden Persönlichkeiten beseelte, der beherrschende Gedanke. Der Bruch mit diesem letzten Gedanken ist das Wesensmerkmai für den Protestantismus. Welch psychologische Vorgange in der Umwälzung des religiösen Empfindens Luthers auch für seinen Abfall von dem Katholizismus wirksam gewesen, entscheidend für ihn und die folgende Entwickelung der Reformation war die Ueberzeugung, dass die Interpretation, die die heiligen Urkunden gefunden, nicht die richtige gewesen, ja dass im Prinzip der Auspruch der bisher massgebenden Instanzen, im Besitz der allein richtigen Auslegung zu sein, nicht anerkannt werden dürfe. Der Siegeezug der reformatorischen Gedanken ist ja auch aus dem Umstand zu erklären, dass die Geistesströmung der Zeit in ihrer philosophischen und kulturellen Richtung diesem Gedanken entgegenkam. Und ebenso verband mich damit auch der wiedererwachte Individualismus, die Hervorkehrung eines als Zentralpunkt christlicher Heilslehre neu Erkannten und Erweckten: die Rechtfertigung durch den Glauben. Richtunggebend aber für Ausgang und Fortentwickelung der Reformation war vor allem: Zurück zu dem ursprünglichen Sinn der Offenbarungsurkunden! Man weiss, wie bald der Rückschlag erfolgt ist. Was der Protestantismus aufgab, war die Tradition. Und das sollte sich an ihm rächen. Eine Glaubensgemeinschaft, deren Wesen eben der Glaube ist oder besser das Glauben, das Glauben an eine bestimmte Summe von Heilswahrheiten, konnte der Festlegung solcher Glaubenssätze, der exakten Formulierung nicht entraten. Bei allem in den Vordergrundstellen der Religiosität, bei aller Betonung der neuen subjektiven Einstellung zum Inhalt des Glaubens, und mochte man noch 80 sehr unterstreichen, dass aus der Bibel und nur aus der Bibel für jeden Einzelnen die Erkenntnis der Wahrheit und das Ziel seiner Heilbestrebungen erwüchse, die neuen Kirchen mussten in die Fusstapfen der alten treten, neue Interpretationen festlegen, neue Glaubenssätze aufs bestimmteste formulieren, die Weite des Empfindens aufs engste umgrenzen und die aufgegebene Tradition durch eine andere ersetzen.