Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 14 (1927)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1927)
- Date
- 1927-11-01
- Page
- Seite 688 (sequence 106)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2292929-2293050-2293056--09476-2302762- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
688 Der Gottesdienst usw. so dass man nach wie vor ״richtig oren konnte״. Aber man vergass dabei den ausserordentlichen Nachdruck, den der Chor zu verleihen imstande war, und unmerklich wurden bei der grossen Menge diese vom machtvollen Gesang getragenen Stücke Rückgrat und Hauptteil des Gottesdienstes. Der Chor, der zuerst nur geduldet war, ist heute Herrscher geworden; von ihm leihen die Gebete ihren Rang. Es geht damit derselbe Prozess vor sich, den wir auch bei den Pijutim verfolgen können, die als Gäste in die Synagoge eingelassen, die eigentlichsten Kinder des Gotteshauses, die grundlegendsten Gebetsstücke langsam in ihrem Range zurückgedrängt und sich in die vorderste Reihe geschoben haben. Es ist eine tieftraurige Tatsache, dass am Rausch Haschonoh und Jaum Kippur, wo doch jeder in die Synagoge kommt, um durch sein Gebet sich würdig zu machen, fast in allen Gemeinden der Hauptteil der Beter weder קריאת שמע, noch das Achtzehngebet am Morgen spricht, von den פסוק* דזמרה ganz zu schweigen, weil die Pijutim mit ihrer Betontheit und Vertonung alles verschwinden lassen. So ist langsam eine Verschiebung des Schwerpunkts der Tefilla eingetreten, vom Wesentlichen zum Nebensächlichen, vom Gebet zum Pijut, vom Oren zum Chorgesang. Die Anordnungen der Tora und unsrer Weisen scheinen Nebensache. Das ist aber das schlimmste Verdikt, das über unser Gebet ausgesprochen werden kann. Damit wird unser Beten sinnlos. In diesem Punkte müssten m. E. alle Denkenden ihre Kräfte vereinen, um die echte Rangordnung wiederherzustellen und die Krone den wahren Königen zurückzugeben. Da genügt aber nicht die Kunst des Ueberzeugens, der Appell an das Gewissen, der fehlerfreie Nachweis an Hand von Talmud und Schulchan Aruch, dass der Charakter unsrer ganzen Tefilla in seinem innersten Wert bedroht ist, wenn wir die Linie verlassen, die unsere Weisen uns vorgeschrieben haben. Es ist notwendig, dass es sich im Gottesdienst selbst ausprägt, jedem es sich unmittelbar als erster Eindruck aufdrängt, was Kern und was Schale, was Ziel und was Beiwerk ist. Denn auch im Gebete gibt es Höhepunkte, Momente höchster Spannung und