Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 14 (1927)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1927)
- Date
- 1927-11-01
- Page
- Seite 687 (sequence 105)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Der Gottesdienst usw. 687 samen Melodie geht auch das Wort allmählich in den Eigenbesitz über. Trotzdem kann es auch bisweilen angebracht sein; dass an bestimmten Stellen des Gottesdienstes der Chor seine alte Bolle ausübt, besonders wenn er über eine verhältnismässig gute Ausbildung verfügt. So kann ich mir wohl vorstellen, dass er als Einleitung einen Psalm, ein Mah Tauwu oder dergleichen mehr singt, um eine erhöhte Stimmung zu schaffen, die noch in den Banden des Alltags gefesselte Seele zu lösen und den grossen Auftakt zu einer Sammlung der Weihe und Erhebung zu geben. Da dient er als Brücke und Tor, bis der Einzelne ins Heiligtum selbst eingetreten und hier den Opferdienst des Herzens vollbringt. Nur darf er nicht das Heiligtum allein in Besitz behalten wollen und die Gemeinde ständig draussen lassen. Ebenso mag der Chor mit Becht zur rechten Gelegenheit den Chasan unterstützen, ihm zur Seite stehen wie die alten Meschaurerim im Osten, um dort, wo die Gemeinde ohnedies schweigend verharrt, die Darbietung des Vorbeters eindrucksvoller zu gestalten. Da bedeutet es keine Verkürzung der Bechte der Gesamtheit, ebensowenig wie der Bolle des Schliach Zibbur, weil es hier im Wesen der Sache, an der Besonderheit des betreffenden gottesdienstlichen Momentes liegt, dass hier etwas auf die hörende Gemeinde mit besondrer Wucht eindringen soll, sie aufrüttelt oder besänftigt. So habe ich es gesehen, dass für die Gebetsstücke des Chasan in der Awaudo am Jaum Kippur dieser mit seinem Chor sich zur Einheit verband und dadurch das Ganze zu einem unvergesslichen Erlebnis zu steigern wusste. Aber nur in Ausnahmefällen werden diese Aufgaben dem Chor zuteil. Als der Chor mit innerem Widerstreben in unsre frommen Gotteshäuser in Deutschland Eingang fand und im instiktivem Vorgefühl seiner Gefahren man ihn vom eigentlichen Gebete fernhalten wollte, wies man ihm Partien zu, in denen er möglichst wenig Schaden stiften könnte, die man nur als Beigaben der Haupttefilla betrachtete. Vor allem die Stücke des Aushebens und Einbebens der Thora, die Schlussgesänge, Lecho Daudi, kurz alles, wo die Ausschaltung der Gemeinde unwesentlich war,