Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 14 (1927)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1927)
- Date
- 1927-11-01
- Page
- Seite 686 (sequence 104)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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686 Der Gottesdienst usw. in mein Inneres und weckt die Gefühle, die wunderbar dort schlummern. Grillparzer hat in der Novelle eines ״armen Spielmann״ geschildert, wie er durch seine eigne, an sich geringwertige Kunstübung stets in seliger Entzückung lebt. Das ist der Lohn eigenen Singens. Der im Eigengesang der Gemeinde nachzitternde Reflex ihrer seelischen Erregung weiht die Töne und stellt sie jenseits der Kunstkritik. Wir brauchen weder uns noch andere täuschen zu wollen, dass wir diesen gefährlichen Masstab ertragen könnten. Unsre Kantoren bedürfen keiner närrischen Künstlermähne, unsre Sänger nicht der krampfhaften Betonung des Kammertons und der Kunstmittel, um sich dadurch vor einer urteilslosen Philistrositäi als Musenjünger zu legitimieren, was im Ernst ihnen doch keiner glaubt. Wir haben das Gebet wieder in den Machtbereich zurück zu führen, in dem es als bodenbeständig seine Kraft ungehemmt entfalten kann: in den Bereich der Selbsttätigkeit der religiösen Seele. Dadurch, dass der Chor an dieser bescheideneren Aufgabe mit Selbstlosigkeit und schlichter Demut vor der Gemeinde Gottes sich genug sein lässt und der Gesamtheit ihre Würde zurückgibt, wird auch gleichzeitig eine erzieherische Seite des Gebetes wieder in Kraft treten: der Einzelne wird im Sprechen und Lesen und Verstehen der Gebete in steter Uebung erhalten. Gegenwärtig enthebt ihn der Chor der eignen Aktivität; ja selbst seine innere Leere kommt ihm nicht zum Bewusstsein, da die Musik ihn über sich selbst täuscht, immerhin Ohr und Seele gefangen und umfangen sind, sogar wenn er garnicht ins Gebetbuch blickt und nicht ahnt, welche religiösen Inhalte das Wort grade darbietet. So stumpft die zunehmende Betätigung des Chors das Bewusstwerden und Schamgefühl der Unwissenheit ab. Darum die Unentbehrlichkeit der Surrogate in den Synagogen der dem Judentum Entfremdeten; die Angst der Armen ist ihre Armut; das Ohr wird statt der Lippe geöffnet, wenn Gottes Ruhm erklingen soll. Der Gemeindegesang dagegen nimmt still und unvermerkt den ״Fremdling״, in seine Gewalt, langsam, langsam löst sich sein stummer Mund und mit der einpräg-