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Jeschurun · 1927-11-01 · Heft 11-12 (November 1927) · p. Seite 685

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
14 (1927)
Issue
Heft 11-12 (November 1927)
Date
1927-11-01
Page
Seite 685 (sequence 103)
Language
German
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Der Gottesdienst usw. 685 Grade darin kann das alte jüdische Chasonus ein wunderbares Vorbild geben. Es ist von solcher erhabenen Einfachheit, dass es echtes Volksgut wurde, dass jeder die Melodien der Jomim Nauroim mit allen Nuancen im Herzen und auf den Lippen trägt. Es ist leichter, Chasan am Versöhnungstag zu sein, als am Freitag Abend, weil Höhen und Tiefen der Gesänge aus dem Machsor so leicht von jedem erklommen werden können, dass keine Stimme versagt, während das Moderne sofort den Stimm virtuosen voraussetzt. Darin liegt aber eine ungeheure Gefahr. Wieviele Gemeinden können sich eines kantoralen Meisters oder eines gesangstechnisch erstklassigen Chores rühmem? Die musikalische Kritik aber wird sofort herausgefordert, wenn der Schein oder Anspruch einer echt künstlerischen Leistung vorgetäuscht wird. Durch nichts ist soviel musikalische Barbarei in unsre Synagogen eingekehrt, als indem die moderne Gesangsart Vorbeter und Chor die Maske des grossen Künstlers aufgesetzt hat. Die wirklich ästhetisch Empfindenden in unsrer Mitte wenden sich oft mit Grausen von den Synagogen ab, weil das ihnen gesanglich Gebotene ihr Feingefühl verletzt und jede Andacht rettungslos zerstört. Es ist ein Unding, das Gelingen eines Gottesdienstes, die eindrucksvolle Wirkung des Gebetes von hoher Kunstübung abhängig zu machen, weil es niemals gelingen kann, in dieser Hinsicht in einen Wettbewerb mit den grossen Instituten und Veranstaltungen in den Kunststätten der OÖffentlichkeit erfolgreich einzutreten. Da wird uns immer entgegengehalten werden können, dass Bethovens neunte Symphonie mehr Andacht auslöse, als unsrer Chöre noch 80 wohlgemeinte Leistungen. Und dabei können doch nur die grössten Gemeinden die Mittel aufbringen, die Musikalität der Synagogen auf einer emigermassen achtenswerten Höhe zu erhalten. Daher muss die Kraft des synagogalen Gesanges auf ganz andrer Grundlage beruhen, als auf musikalisch künstlerischer Erweckung. Dieses Fundament muss sein: der eigne Gesang des Einzelnen,, verbunden mit der Weihe der traditionellen Melodie. Wenn ich selbst singe, dann greift mein Singen und Sagen

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