Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 14 (1927)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1927)
- Date
- 1927-11-01
- Page
- Seite 684 (sequence 102)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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684 Der Gottesdienst usw. man den Chasan und das Chasonus; es blieb für sie keine Wahl, als dem Machtdiktat des Chors sich zu fügen. Der Chordirigent, der sichtbare oder der unsichtbare, der die Noten und Tongebung vorschrieb, waren alleinige Herren geworden im Hause Gottes. Uns liegt nichts ferner, als den Chor in Bausch und Bogen zu verdammen, ihn etwa aus den Grenzen der Gebetsstätte zu verweisen. Unsere Absicht ist vielmehr, seine legitime Aufgabe, seinen Wesenskern festzustellen, um gegen seine Auswüchse und wider den Missbrauch seiner Macht zu protestieren. Diese seine wahre Bestimmung ist aber nicht, die betende Gemeinde in ihrer Teilnahme am Gottesdienste auszuschalten, sondern im Gegenteil zu kräftigen, ihr die Stimme zurückzugeben, und nichts weiter zu sein, als der Regler und Ordner des Gemeindegesanges. Wie ein patriotisches oder volkstümliches Lied von Tausenden gesungen in einem Instrument öder einer Chorgruppe ihren Halt und Takt findet, so muss in der Synagoge der Gemeindegesang zu seiner vollen hinreissenden Wirkung kommen, nur dass er vor Auswüchsen und schrillen Disharmonien durch die Zucht und Straffheit geübter Sänger bewahrt bleibt. Jeder theatralische Charakter einer gesanglichen Darbietung an die Gemeinde ist zunächst völlig auszuschliessen. Schon die Tonlage, in der ein Chor einsetzt, muss eine Mittellage sein, in die jeder mit einfallen kann. Im allgemeinen verbietet sich daher jede Mehrstimmigkeit des Chorgesanges. Die Melodien sind so volkstümlich, so leicht sangbar wie möglich zu halten. Altes Sangesgut ist unbedingt zu bewahren. Es kann nicht gebilligt werden, dass ein Chor durch Ueberraschungen und Neuheiten glänzt. Wo ist, um von fremden Gebetsübungen zu sprechen, es je einem eingefaHen, die Melodie von ״Nun danket alle Gott“ oder ״Ein feste Burg“ zu variieren? In unsren Synagogenchören tobt sich die Laune und Selbstherrlichkeit der Komponisten aus, die durch die schiefe Auffassung von der Rolle des Chors mehr imponieren, und in Nachahmung fremder Kunstchöre glänzen als das originale Sangesgut der Synagoge erhalten wollen.