Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 14 (1927)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1927)
- Date
- 1927-11-01
- Page
- Seite 683 (sequence 101)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Gottesdienst usw. 688 und seine Aufgabe daher in ihr Gegenteil verkehrt. Es ist höchste Zeit, dass man sich auf seinen Ursinn, auf sein eigentliebes Wesen besinnt, damit er nicht zum Verhängnis werde. Der Chor wurde das Mittel, mit dem jener Zopfstil, das Gebet am Lineal und Zirkel, sich einführte oder erzwungen wurde. Was ist der Chor? Bis dahin gab es im Gottesdienste ^wei Faktoren, den Vorbeter und die Gemeinde, den Zibbur und Schliach Zibbur. In dieser Zweiteilung liegt der symbolische und messianische Charakter des Gebetes; einer gibt die Losung aus, die Masse empfangt und ergreift sie mit freudiger Zustimmung. Das ist der Sinn aller Geschichte und Menschheitsentwicklung; der Prophet, der Genius, der Führer und Lehrer bringen eine Weisung, die Menschheit macht sie sich zu eigen, macht sie 7iUm Gemeingut, bis zuletzt der דוד p משיח den Neilakaddisch der Weltgeschichte anstimmt und das Omen jhe schme rabbo der erlösten Menschheit das Gottesreich wirklich macht, bis ,die Tore sich weiten, und die gerechte Menschheit, das Amen der Oeschichte sprechend, einzieht״ (Jes. 26, 2 und Jalkut zur Stelle). In diesem Wechsel von Chason und Kohol, in der begeisterten Aufnahme des begeisternden Zurufs, wird die Gemeinde Vorbild und Urbild der kommenden messianischen Welt, wird der, der Amen sagt, grösser als der, der die Brocho angestammt. Was aber ist der Chor? Er ist weder Schliach Zibbur, noch Zibbur; er ist nur ein Teil des Zibbur. Er schuf aber die Fiktion, als wenn er die Gemeinde wäre: dieser fiktive Zibbur machte aber die wirkliche Gemeinde zur Fiktion, zur Staffage, zum Nichts. Er riss ihre Rechte an sich und machte sie stumm. An die Stelle des Volksgesanges setzte er den Kunstgesang, aus der ״einstimmigen״ Volksgemeinde schuf er den vierstimmigen Zwergorganismus der Sängergilde. Aus der Vielheit aktiver Beter machte er eine solche der Geniessenden, nur hörenden, rein Receptiven, die hilflos nach Sammlung und Andacht suchen. Stimmgabel und Taktstock wurden jetzt die Monarchen des Gotteshauses statt der stets gleichtemperierten wahrhaft künstlerischen, weil beseelten Andacht des Herzens, sie machten die Verzopfung vollständig. Zugleich vergewaltigte