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Jeschurun · 1927-11-01 · Heft 11-12 (November 1927) · p. Seite 680

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
14 (1927)
Issue
Heft 11-12 (November 1927)
Date
1927-11-01
Page
Seite 680 (sequence 98)
Language
German
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680 Der Gottesdienst usw. Gebetsweise entwickelt, der Wettstreit der Stimmen, das Recht und die Pflicht vernehmlicher, impulsiver Teilnahme am Beten der Menge. Ihre Harmonie, ihre Erhabenheit lag in der grossartigen Regellosigkeit und Fülle, in ihrer, sich selbst übersteigernden Polyphonie, dem BrandeD des Meeres gleich, in dem das unmusikalische Einzelgeräusch nicht mehr wahrgenommen wird, das in solch tosender Gebärde seine Unendlichkeit, seine Grösse, seinen Trotz gegen Analyse und Hemmung verrät. So wallten und siedeten und brausten die Herzen und Stimmen im jüdischen Gebete zu Gott auf. Damit wurde das Gebet höchste Aktivität, selbsttätige Erregung der Seelentiefen. Diese Aktivität ist ein wesent- Rehes; auf ihr beruht seine Wirkung, seine Nachhaltigkeit, die Befriedigung, die es auslöste. In der Aktivität ist auch Konzentration, Abwehr jeder Störung leichter; das bloss receptive, empfangende Gemüt ist natürlich jeder Ablenkung von innen und aussen ausgesetzt. Es gehört grosse Selbsdisziplin dazu, bei rein receptivem Verhalten die Seele eindeutig zu richten und in ihrer Richtung zu erhalten. Gewöhnlich gelingt es nur bei ausserordentlichen Eindrücken gegenüber grosser Redegewalt oder hohen künstlerischen Leistungen. Aktivität aber bringt solche Spannung in die Seele, schafft eine so kräftige gradlinige Strömung der Reaktionen, dass diese nicht ohne weiteres aus der Bahn geworfen werden kann. In einzelnen Momenten gelingt auch uns noch dieses aktive Beten, am grossartigsten jedesmal am Ausgang des Neilahgebetes in den Scheimaus; es ist ein vulkanisches Feuer, das sich entlädt, das in seiner Urgewalt aller Reglementierung spottet. Erhaben wie die ungeometrische Linie einer Alpenkette, frei und stillos, aber überwältigend schön. Dieses aktive Gemeinschaftsgebet mit freier Gebärde ist das eigentlich jüdische Gebet. Es ist selbsttätige Arbeit, wie das jüdische Lernen, wie alles Jüdische. Es hat den Vorzug und den Fehler der Formlosigkeit, der fehlenden Uniformierung der Geste und Klangfarbe, der scheinbaren Willkür. Der Vorzug macht sich desto stärker geltend, je grösser die Gemeinde, die Zahl der Beter ist; der Fehler wächst ihnen umgekehrt pro-

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