Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 14 (1927)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1927)
- Date
- 1927-11-01
- Page
- Seite 656 (sequence 74)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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656 Ueber den ״Gegensinn“ usw. paraten Gegensätze, sondern ursprünglich Wechselbegriffe, die im sprachlichen Ausdruck bald das positive, bald das negative Element und Vorzeichen, die ansprechende oder ,weniger ansprechende Seite des Begriffes annehmen können. Gerade die Gegensatzpaare sind art- und wesensverwandt, ihre Gefühlswerte sind ambivalent, doppelwertig, ein Element stützt, stärkt das andere, und dank ihrer Doppel Wertigkeit kann ein- und dieselbe Sprachwurzel, wenn auch oft durch eine geringe sprachliche Aenderung oder Umformung, zum Ausdruck zweier entgegengesetzter, jedoch der Gefühlsrichtung und Gefühlsspanne nach teilweise identischer Begriffsbestimmungen dienen 1. Diese Freud’sche Lehre von der Ambivalenz gewisser Grundgefühle kann uns, wie wir glauben, als Regulativ bei der Erforschung und Ergründung auffallender Fälle vom Gegensinn der Worte im Hebräischen, zu dem wir jetzt übergehen, gute Dienste leisten, ohne dass wir uns mit den J) S. Freud selbst nimmt (in einem Referat über C. Abels genanntes Werk) gegenüber der von C. Abel entwickelten Theorie vom ursprünglichen Gegensinn der Worte einen interessanten Standpunkt ein. Freud vergleicht die für die ältesten Sprachstufen von Abel statuierte Antithetik der Worte mit dem Phänomen und der Tätigkeit des Traumes. Für die hemmungslos arbeitende Phantasietätigkeit des Traumes gibt es bekanntlich und erfahrungsgemäss keine noch so heterogenen Elemente, die nicht zusammen und zugleich vorgestellt werden könnten. Freud meint darüber: ״Höchst auffällig ist das Verhalten des Traumes gegen die Kategorie von Gegensinn und Widerspruch. Dieser wird schlechtweg vernachlässigt. Das ״Nein״ scheint für den Traum schlechtweg nicht zu existieren. Gegensätze werden mit besonderer Vorliebe zu einer Einheit zusammengezogen oder in Einem dargestellt..., sodass man zunächst von keinem eines Gegenteils fähigen Elemente weiss, ob es in den Traumgedanken positiv oder negativ enthalten ist.“ (s. Jahrbuch für psychoanalytische Forschung, Bd. II.). ״So hat die Traumarbeit die Neigung, von der Verneinung abzusehen und durch dasselbe Darstellungsmittel Gegensätzliches zum Ausdruck zu bringen“. Freud schliesst seine Besprechung mit der Feststellung: ״Es besteht eine Uebereinstimmung zwischen der Eigentümlichkeit der Traumarbeit und der von dem Sprachforscher (C. Abel) aufgedeckten Praxis der ältesten Sprachen.“ (Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre, p. 280 f.).