Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 14 (1927)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1927)
- Date
- 1927-11-01
- Page
- Seite 655 (sequence 73)
- Language
- German
- Belongs to
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Ueber den ״Gegensinn“ usw. 655 liehen Triebe ist das Typische unsres seelischen Erlebens. Dieser Wechsel von Positiv und Negativ vollzieht sich naturgesetzmässig, ohne unsern und gegen unsern Willen im Unbewussten und verhindert so die uns drohende Gefahr, dass unsre Gefühle schliesslich im Extremen und Extatischen an einen toten Punkt gelangen würden1. Diese Polarität der Gefühle spielt eine besondere Rolle im Bereiche des Moralisch-Religiösen, des Gebots und Verbots. ״Das Verbot verdankt seine Stärke — seinen Zwangscharakter — gerade der Beziehung zu seinem unbewussten Gegenpart, der im Verborgenen ungedämpften Lust, also einer inneren Notwendigkeit, in welcher die bewusste Einsicht fehlt״. (Freud, Totem und Tabu, p. 28). Wir haben demnach zu jeder Vorstellung oder Handlung eine ambivalente Gefühlseinstellung: Wenn ich etwas Unrechtes, ethisch oder religiös Verbotenes unterlasse, so regt sich in mir gleichzeitig dennoch im Unterbewusstsein der Gegentrieb der Lust zum Verbotenen, der nur durch das moralisch-religiöse Zwangsverbot oder die Angstvor- Stellung zurückgedrängt wird und die Beachtung des Verbots nicht hindert, ja als Gegenpol sogar den Zwangscharakter des Verbots verstärkt. Eine jede moralische Tat, ja ein jeder Moralbegriff, ist somit eine Komponente aus Lust und Abneigung, aus Trieb und Gegentrieb. Diese Doppelseitigkeit der Moralbegriffe lässt sich leicht anf alles Geistige überhaupt übertragen und für dessen Ausdruck, die Sprache und ihre Worte, fruchtbar verwerten, wenn auch hierbei das Moment der libido, der Lust und Unlust, nicht auf allen Gebieten des Geistigen so deutlich sichtbar ist. Jedes Denkvorstellungs- und Gegensatzpaar, z. B. Schön-Hässlich, Hell-Dunkel, Freude- Schmerz, Liebe-Hass, Stark-Schwach, Heilig-Profan, Schuldig- Unschuldig, Hoch-Niedrig, Bewegung-Ruhe, ja jede Raum- und Zeitvorstellung sind demnach für die Sprache als Funktion und Ausdruck des Denkens keine kontradiktorischen oder gar dis- *) s. das sehr instruktive Büchlein von H. Korber, Die Psychoanalyse, p. 55 f., in der Sammlung: Wege zum Wissen.