Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 14 (1927)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1927)
- Date
- 1927-11-01
- Page
- Seite 654 (sequence 72)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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654 Ueber den ״ Gegensinn“ usw. Fülle auffallender Beispiele von Gegensinn der Wörter in den Ursprachen, insbesondere im Hebräischen, zu denken, und es muss gestattet sein, neben der Annahme linguistisch-dialektischer Gründe noch nach einer inneren Motivierung, nach immanenten logischen und seelischen Zusammenhängen für dieses Sprach- Problem zu suchen. Wenn in einundderselben Sprache (wie im Hebräischen oder Arabischen) für Gut und Böse, Hoch-Niedrig, Stark-Schwach, Morgen-Abend-dämmerung, lobpreisen-spotten, segnen-fluchen u. a. ä. dasselbe Wort auftritt, so zwingt dies zur Annahme nicht blosser dialektischer Einflüsse, sondern auch zur Schlussfolgerung auf psychologische Verwandtschaft und polare Anziehungskräfte als Entstehungsursachen. * * * Uns scheint für dies sprachpsychologische Phänomen vom Gegensinn vieler Wörter in den Ursprachen eine von dem Wiener Psychoanalytiker Sigmund Freud geschaffene These von den ambivalenten Gefühlsregungen ein aussichtsreiches Hilfsmittel und Begulativ zur Erkenntnis an die Hand zu geben. Jede Seelenregung, so lehrt S. Freud, besteht aus zwei entgegengesetzten, sich bekämpfenden Polen, wie beim Elektromagneten. In der Empfindung der Liebe z. B. verbirgt sich ein Trieb, ein Keim zum Hassen, d. h. eine im Unterbewusstsein vorhandene, verdrängte Auflehnung gegen die Tyrannei der Liebe, die Auflehnung des Ichtriebs gegen die Besitzeransprüche der Liebe; im Hass wieder ist ein verdrängter Keim der Liebe. Unsre ganze Gefühlswelt bewegt sich in steten Gegensätzen, unsre Gefühlseindrücke verlaufen in einer Wellenbewegung. Schön und Hässlich, Gut-Böse, Freund-Feind usw. sind gefühls- und wesens- und zeiteinheitlich verwandt. Immer treffen sich die Gegengefühle in einem Punkte. In diesen Rahmen der Gesetzmässigkeit des Auf und Nieder, des Hin und Her, des Auf- und Niederwallens der Gefühle, in diesen Wechsel der Gegensätze in der Gefühlslage und deren Inhalte ist unser Leben eingespannt; diese Polarität und Doppel Wertigkeit der mensch-