Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 14 (1927)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1927)
- Date
- 1927-11-01
- Page
- Seite 604 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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604 Vom Tier und seiner Wertung usw. Selbstverständlich bleiben einzelne Züge immer Charakter״ istisch für das betreffende Tier und darum ist ja die Bibel voll von Bildern, die aus dem Tierreich entnommen, mit denen Triebe und Handlungen des Einzelmenschen, Gesinnungen und Vergehen des Volkes, Tugenden und Laster der Führer und der Masse, ja auch Eigenschaften, anthropopathische Affekte und Wirkungen Gottes ausgemalt werden. Welche Rolle die Tierbilder in der Bibel spielen, ist ja jedem Kenner der Bibel geläufig. Die Beibringung von Beispielen erübrigt sich. Talmud und Midrasch bieten nach Inhalt und Sprache naturgemäss viel weniger Gelegenheit. Die Kunstform der Agada wird nicht von dem Pathos, dem dithyrambischen Schwung getragen, hat nicht die lyrische Stimmung, wie die Prophetenbücher, die Psalmen, Hiob und das Hohelied. So sind es nicht wuchtige oder zarte Bilder, die vor unserem Auge erstehen und davon zeugen, dass die Wesen, ihr Leben und ihr Geschick, aus denen die Bilder gewonnen, dem Sprecher und Sänger vertraut waren. Aber doch bleibt noch ein so reiches Material an Gleichnissen, kurzen Erzählungen,, treffenden Charakteristiken, dass wir keinen Zweifel daran hegen dürfen, dass die Tiere in viel höherem Masse von ihnen beobachtet wurden als wir es heute gewöhnt sind. Dies Verstände nis für das Tier ist um so auffallender, als die Arten der Haus״ tiere beschränkt und Erlebnisse mit wilden Tieren seltener ge״ worden. Von Bedeutung für die Wahrung der rechten Mitte in Beurteilung der Tierseele war es, dass der Hund, wie in alter Zeit und noch heute im Orient nicht die Rolle eines Haustiere» spielt. Sie gehören der Strasse an, finden nicht ihr regelmässige» Futter und entwickeln daher die hässlichen Züge, die sie in die Nähe des Schakals rücken. In der Bibel ist er das verächtliche Tier, das zur Selbstcharakterisierung benutzt wird, wenn man den ganzen unermesslichen Abstand zwischen dem Höheren und der eigenen Persönlichkeit bezeichnen will. ״Hinter wem ist der König Israels ausgezogen, wen verfolgst du? einen