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Jeschurun · 1927-09-01 · Heft 9-10 (September 1927) · p. Seite 477

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
14 (1927)
Issue
Heft 9-10 (September 1927)
Date
1927-09-01
Page
Seite 477 (sequence 29)
Language
German
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SchöpfuDg und Natur 477 Gemüt entgegenzustemmen vermag. Und dass diese nicht vorhanden ist, das ist der letzte Grund dafür, dass der Zweifel an der Wahrheit der Ueberlieferung soviel Macht gewinnt. Wir sprachen schon oben von dem Problem der Theodicee, das in der Bibel so aufwühlend und erschütternd erörtert wird. Die Schwere dieser Zweifelsfrage war für die Männer jener Zeit wahrlich nicht geringer als nur irgendeine, die uns heute beschäftigt. Elend und Not, Greuel furchtbarster Art, verübt an den Frommen und Gerechten, Katastrophen die unterschiedlos trafen, waren sicherlich nicht seltener als in der heutigen Zeit. Das Warum und Warum kliugt herzzerreissend durch die Psalmen. Aber in einem Atemzuge folgt die Lobsingung Gottes. Alles, alles auch das scheinbar Beweiskräftigste in der Aussen weit verschwindet vor der Glut der inneren Ueberzeugung von dem gerecht waltenden Gotte. Diese innere Ueberzeugung kann nicht andemonstriert, auch nicht durch Beeinflussung suggeriert werden, sie ist nicht blos Ergebnis von Erziehung und Milieu. Sie muss erarbeitet werden in unablässigem Bemühen um die religiösen Grundgefühle in der Seele. Nicht mystische Ekstase, zu der man sich nur zu Zeiten emporpeitschen kann, die bald verpufft, ja oft in einen um so extremeren Rationalismus umschlägt, nicht abgestempeltes, gesinnungstreues Kämpfen für Prinzipien und nicht einmal der tägliche obligate Schiur helfen da. Nur ein stetes Besinnen auf den letzten Zweck des Menschen, auf das Seelische dessen, was unsere Thora und die Lehren unseren Weisen im Innersten zusammenhält, nur das aBein vermag im Anhäufen an sich scheinbar geringer seelischer Erlebnisse jene Intensität religiösen Fühlens zu er־ zeugen, die von dauerndem Bestand und der beste Schutz ist gegen die destruktive Macht einer über die Grenzen des empirisch Tatsächlichen hinausgehenden Wissenschaft. Ein Jude mit diesem Besitzstand hat Achtung, ja Ehrfurcht vor den ragenden Grössen der Wissenschaft, er weiss, dass sie zumeist reinen Sinnens und lauteren Herzens sind, dass sie der Wahrheit nachstreben, 80 oft sie auch in die Irre gehen, ja ihm selbst wird das, was er von ihnen gehört, zum starken Erlebnis. Aber jenes

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