Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 14 (1927)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1927)
- Date
- 1927-09-01
- Page
- Seite 474 (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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474 Schöpfung und Natur letzten Zeiten so recht erschlossen, ist geradezu ein religiöser Akt. Das alte talmudische Wort, wir würden dereinst Rechenschaft dafür ablegen müssen, das wir ״das Werk Seiner Hände״ nicht gesehen, hat heute mehr als je Geltung. Zu allen Zeiten schon war von dem denkenden Menschen der Begriff des Unendlichen konzipiert. Aber er war unbestimmt und leer. Welche Erweiterung und darum auch Verinnerlichung erfuhr er durch den Sturz des Ptolemäischen Weltensystems. Und wenn Kant dann als das Erhabenste den gestirnten Himmel über uns oben noch rühmen konnte, erhabener und viel gewaltiger noch die unermesslichen Wunder, die sich uns auftun durch die Entdeckung der Welt des unendlich Kleinen. Man hat allzeit lobpreisend vor der Grösse Gottes gestanden, wenn man an das Geheimnis der Menschwerdung im Mutterleibe dachte: ״Ich danke Dir, dass ich so wunderbar geschaffen, ja wunderbar sind Deine Werke und meine Seele weiss es wohl, als ich gebildet wurde im Verborgenen, als ich gewebt ward in der Erde Tiefen“. Wie steigert sich die Anbetung, wenn wir jetzt sehen, wie sich der Vorgang vollzieht, wie eine ganze Welt von Zweckmässigkeiten in eine einzige Zelle hineingelegt ist, welche Aufgaben der Zellkern, die Richtungskörperchen, die Chromosomen haben. Welch Wunder in der Chromosomenteilung und ihrer Reduzierung, um die rechte Vererbung herzustellen und sie zu schützen. Ich wüsste für mich keinen Zeitpunkt, in dem sich so der Ruf auf die Lippen gedrängt: מה רבו מעשיך ה׳. Und je weiter wir in diese Welt des Unendlich Kleinen dringen, desto mehr häufen sich die Geheimnisse, vor desto grösseren Rätseln stehen wir wieder. Uralt ist der Vergleich zwischen dem Makrokosmos und Mikrokosmos, wie das ganze Weltenall sich wiederspiegelt in dem Bau des Menschen. Ein guter Einfall damals, nicht mehr. Wie tausend, ja millionenfach verstärkt und der Wirklichkeit nahe gebracht ist das Gleichnis für den, der auch nur die Ergebnisse der beschreibenden Naturwissenschaft in sich aufgenommen. Wie wiederholt sich in einer unendlichen Reihe von Variationen das gleiche Schema mit seinen geradezu raffiniert ausgeklügelten Zwecken in einer unendlichen