Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 14 (1927)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1927)
- Date
- 1927-09-01
- Page
- Seite 471 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2292929-2293050-2293055--09256-2302541- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Schöpfung und Natur 471 ihnen diese Partien aus dem Kusari liest, dass eben doch der Verlauf dieser Geschichte, ,wie er uns in den Quellen berichtet, angezweifelt wird. Was könuen sie dafür, dass sie offenbar heutzutage schon mit dem historisch-philologischen Sinn auf die Welt kommen, der noch einem Mendelssohn völlig abging. Und so häufen sich die Einwände nicht nur für den Kenner, sondern auch für den gebildeten Laien, der jemals über diese Dinge tiefer nachgedacht. Um nur noch ein Beispiel zu erwähnen. Vf. hat noch nicht einmal den Versuch gemacht, die השגחה פרטית, die jeden Augenblick auf jedem Punkte der Erde in jeden Schritt des Einzelnen eingreifende Vorsehung mit seiner These vom ״ruhenden“ Schöpfer in Einklang zu bringen. Das ist ein Fehler in der Grundanlage. Denn was bleibt vom Gebet, vom בטחון, von aUem, was fast jeder Vers der Psalmen zu uns spricht, wenn wir die göttliche Vorsehung für das Individuum ausschalten? Und dabei wäre, nebenbei bemerkt, gerade von der vom Vf. vielfach mit grossem Geschick verwandten kritischen Philosophie Kants aus, ein rechter Ausweg gefunden. Ich pflege dem Problem, das in dem Gegensatz des von unserem Verstände geforderten unverbrüchlichen Kausalzusammenhangs zu dem religiösen Postulat eines ununterbrochenen übernatürlichen Eingreifens Gottes liegt, in folgender Weise zu begegnen. Kant hat unter seinen Antinomien auch die des Determinismus und Indeterminismus. Wir sind einerseits gezwungen, jeden unserer Willensakte als durchaus kausal bedingt, als naturnotwendiges Ergebnis des Sieges der stärksten Motive anzusehen. Aber nicht minder gezwungen — die eingehendere Begründung würde hier zu weit führen — den menschlichen Willen als indeterminiert, als völlig frei anzuerkennen, als befähigt jeder Zeit im Spiel der Motive von sich aus den entscheidenden Ausschlag zu geben. Die Auflösung dieser Antinomie nach Kant lautet: Das Ich, soweit es der Erscheinungswelt angehört, ist freilich mit dem Ganzen auch seiner geistigen Funktionen und so auch mit seinen Willensakten in dem Kausalzusammenhang einzureihen. Als ״Ding an sich״ vermag es aber an jedem Punkte einen neuen Anfang zu setzen, die Kette aus eigener Machtvollkommen-