Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 14 (1927)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1927)
- Date
- 1927-09-01
- Page
- Seite 466 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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466 Schöpfung und Natur Geschichte bildet die Synthese. Die Welt in Natur soll in geschichtlichem Prozess zur Welt als Schöpfung — werden. Die werdende Welt als Schöpfung ist dem seienden Ich zwar nicht ״beweisbar“ und dennoch nicht unfass1 ar. Denn selber begreift er sein Sein als ein Gewordensein und begreift sein Gewordensein aus vergangenem Werden. Die gewordene Welt als Natur und die werdende Welt als Schöpfung: vergangenes Werden und künftiges Werden: Naturgeschichte und Schöpfungsgeschichte. Naturgeschichte erfasst die Gegenwart aus der Vergangenheit. Schöpfungsgeschichte erfasst die Gegenwart aus der Zukunft. Die Naturgeschichte umfasst auch die Geschichte der Menschen, insofern sie nichts als seiend sind. Die Seinsgeschichte der Menschen kennt aber, als Naturgeschichte, keine Freiheit. Sie begreift das Seiende als ein mit Notwendigkeit Gewordenes, aus dem sich Werdendes mit gleicher Notwendigkeit ergibt. Die Schöpfungsgeschichte dagegen ist die Geschichte der sein-sollenden Menschen und ihrer nichts als sollenden Gemeinschaft. Nicht der grosse ״Staatsmann“ oder der grosse ״Krieger“ gilt ihr als ״Held“, sondern der Mensch, dessen sollende Seele den Antrieb der seienden Natur im Ich überwunden hat. Schöpfungsgeschichte ist Freiheitsgeschichte. Die Einbürgerung in diese schöpfungsgeschichtliche Sphäre nun ist das Ziel jeder jüdischen Erziehung von den Tagen unseres Lehrers Mosches bis zum heutigen Tage geblieben. Mitten in die Welt als Natur in greifbarer und jederzeit nachweisbarer ״Wirklichkeit“ steht als ragender Zeuge des Gottes der Schöpfung, als ragender Zeuge der Welt als Schöpfung: die jüdische Nation. Vergebens müht sich die Verstandeserkenntnis der Naturbeflissenen um Entwirrung des ungeheuerliehen Rätsels der jüdischen Nation, um Entdeckung des Geheimnisses ihrer ״ewigen“ Existenz. Die vollendete Einmaligkeit des historischen Vorgangs schliesst jede ״Ableitung“ aus. Die jüdische Nation ist der ״ewige Jude“. Aber nicht deshalb ist die jüdische Nation unsterblich, weil sie nicht sterben kann. Unsterblich ist die jüdische Nation, weil sie nicht sterben soll.