Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 14 (1927)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1927)
- Date
- 1927-09-01
- Page
- Seite 458 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2292929-2293050-2293055--09243-2302528- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
458 Schöpfung und Natur Von der Natur führt für die wissenschaftliche Verstandeserkenntnis des Menschen kein Weg zur Schöpfung. Der Verstand, selbst ein Stück Natur, kann aus der Natur nicht heraus. Was er findet, ist nicht Trug, ist vollkommen gültig für die Natur. Restlos sind ihr die Spuren des erschaffenden Schöpfer3 ausgemerzt. Der Verstand kann nicht anders begreifen als in seinen Formen und vermöge seiner Formen. Diese Formen sind abgestellt auf Herstellung eines Zusammenhangs. Begreifen heisst dem Verstand Ableiten. Zusammenhang aber ist der wahre Gegensatz zur Schöpfung. Aus dem Nichts kann dem Verstand nicht das Etwas entstehen. Das Wesen der Schöpfung ist Zusammenhanglosigkeit. Schöpfung und Natur entsprechen dem, was die Philosophen das ״D i n g an sich“ und die ״Erscheinungen״ nennen. Die Schöpfung ist das »Ding an sich״. Die Natur ist die Welt der Erscheinungen. Aber die Philosophen haben mit dem »Ding an sich“ erkenntnistheoretisch nie etwas anfangen können. Es blieb ihnen entweder die negative Umgrenzung unserer Erkenntniskraft, lediglich ein Damm gegen missbräuchliche Anwendung der Verstandesgesetze, oder sie warfen es doch wieder mit der Welt der ״Erscheinungen“ zusammen, sei es als deren höchste Entwickelungsstufe, sei es als deren letzte ״Ursache“. Der Sabbath ist ihnen verloren gegangen, der Abstand vom sechsten zum siebenten Tage ist ihnen verborgen geblieben. Die Gesetze aber, die das Seiende zur Einheit der Natur zusammenfassen, sind nur Gesetze des allgemeingültigen Zusammenhangs der Erscheinungen, erschliessen nur das Verständnis für das allem Seienden Gemeinsame, bleiben aber die Antwort schuldig hinsichtlich all dessen, was einmalig ist im Seienden, hinsichtlich der einmaligen Individualitäten, ihrer Leiden, ihrer Freuden, ihres Lebens und Sterbens. Bin ״ich“ denn nichts als seiend? Bin ״ich“ denn nichts als was ich mit ״allem“ teile? Die erkenntnistheoretische Philosophie hat den Weg vom Seienden zum »mir“ noch nicht gefunden. Das lehrt uns erst die rechte Auffassung von dem Ver-