Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1927-09-01 · Heft 9-10 (September 1927) · p. Seite 454

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
14 (1927)
Issue
Heft 9-10 (September 1927)
Date
1927-09-01
Page
Seite 454 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2292929-2293050-2293055--09239-2302524
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

454 Schöpfung und Natur in Wahrheit für den denkenden Menschen ein Konflikt zwischen dem Walten der Naturgesetze und der Annahme einer schöpferischen göttlichen Existenz nicht vorhanden ist. Aber es geht mit diesen Versuchen, wie mit vielen wissenschaftlichen Theorien. Sie gehen nur auf das Allgemeine und Prinzipielle und befriedigen Verstand und Gemüt, solange man sich nicht in das Einzelne vertieft. Um nur auf ein uns nahe liegendes Beispiel zurückzugreifen: Die Graf-Wellhausensehe Theorie bedeutet in der Geschichte der Bibelkritik gegenüber den vergangenen etwa soviel wie — si licet parva componere magnis — die Kopernikanische Welterklärung gegenüber der Ptolemäischen. Keiner, der sie in ihren allgemeinen Grundzügen liest, kann sich der bestechenden Klarheit des Aufbaus, der scheinbaren Lückenlosigkeit der systematischen Beweisführung entziehen. Aber wer in die Prüfung der Einzelheiten eintritt, sieht, je mehr er eindringt, wie sich da die Schwierigkeiten bergehoch häufen, wie die Aufrechterhaltung der Theorie viel mehr Glauben verlangt als das Festhalten an der überlieferten Auffassung. Hat ja — und hier freilich im stärksten Gegensatz zur kopernikanischen Weltauffassung — die Einzelforschung immer mehr die Schwäche des Systems aufgedeckt, sodass seine Geltung die längste Zeit gewährt. Nicht ganz so — denn bei allen naturgeschichtlichen Nachweisen ist allzuviel Hypothese — aber ähnlich geht es bei den Versuchen, der Naturwissenschaft und der Lehre von der Schöpfung ihre Grenzen abzustecken. Die allgemeinen erkenntnistheoretischen ethischen, geschichtsphilosophischen Betrachtungen — die an sich durchaus nicht zu erschüttern sind — versagen, wenn es sich um die Schwierigkeiten handelt, die aus Spezialproblemen erwachsen, wie sie uns etwa die Geologie oder die Wissenschaftliehe Erforschung der Urgeschichte der Menschheit in ihrem Verhältnis zu den Berichten der Bibel aufgibt. Im Judentum und Christentum währt auch hier schon viele Jahrhunderte die Arbeit der Harmonisierung zwischen den Ergebnissen der Naturwissenschaft und der Offenbarung der Bibel. Mühseliger und schwieriger, je umfangreicher die For-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.