Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 14 (1927)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1927)
- Date
- 1927-09-01
- Page
- Seite 450 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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450 Schöpfung und Natur Die weit überwiegende Zahl der Menschen kennt freilich diese Alternative nicht. Sie hat sich für die eine Seite entschieden. Aber wenn wir wägen und nicht zählen, auf den allein wertvollen Teil der Menschheit sehen, dem die Wissenschaft als Schöpferin unzähliger Kulturgüter verehrungswürdig und die Religion als Künderin des letzten Sinnes alles Lebens heilig ist, dann tritt uns als ergreifendes Bild vor Augen, wieviel Menschengeist sich in Kampf und Sorge, in Arbeit und Mühe verzehrt, um das scheinbar Auseinanderstrebende zusammenzuschliessen, um die Harmonie unseres Seelenlebens zu sichern. Problematisch der, dem Denken und Fühlen und Wollen nicht zu einer geschlossenen Einheit sich gestaltet, dem sein Verstand die Ergebnisse der Wissenschaft bejaht, während für sein Gefühl und sein Wollen allein die Lehren der Religion die Richtschnur sind. Natur oder Schöpfung! Es darf uns zur Beruhigung dienen, dass die ganze geistige Welt noch heute unter diesem Banne steht. Nicht mit der Eindringlichkeit, dem Feuer, dem Bekennermut, mit denen die früheren Jahrhunderte sich an der Lösung versuchten. Zivilisation und Kultur haben mit ihrer Breite und Weite dafür gesorgt, dass die Tiefe des Empfindens zur Lauheit in den letzten Sehnsüchten des Lebens sich verflacht. Und neben den Massen, denen die Religion ein äusseres Gewand, ihre Uebungen leere Zeremonien, bar jeder geistigen Durchdringung, steht ebenbürtig im Banausentum die ״Geistesaristokratie“, die nur in Wissenschaft und Technik ihr Genüge findet und in der Frage nach dem Woher und Wohin, nach dem Wozu ein müssiges Spiel den Phantasie sieht. Die echte Aristokratie in der Welt des Denkens und Wollens steht schaudernd vor dem Abgrund, der sich für die Kulturwelt aufgetan, seit die Be-״ ligion aus dem Zentrum in die Peripherie gerückt, und aller Fortschritt der Wissenschaft vermag sie nicht darüber zu trösten, dass der Untergang der wahren Kultur in dem Augenblick besiegelt ist, wo die Welt entgottet oder auch nur statt des