Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 14 (1927)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1927)
- Date
- 1927-07-01
- Page
- Seite 443 (sequence 115)
- Language
- German
- Belongs to
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Büch erb e sprechuu gen 448 doch wenig gekannten und noch weniger verstandenen neuen Menschenklasse ge echt zu werden und ihre Sonderart zu begreifen. Und wie sind diese Menschen gesehen, in der Fülle ihrer seelischen Erlebnisse, selten redend, doch handelnd, fühlend, mit knappen, silberstiftartigen Strichen! Ich kenne nur weniges, was diesen geistdurchtränkten, furcht- und vorurteilslosen Menschenskizzen in der Ghettoliteratur gleichzusetzen wäre. (Zangwill als Schilderer des Londoner Ghettos vielleicht ausgenommen). Epigrammatisch kurz in der Ausdracksweise, dabei welche Fülle kluger Beobachtungen, welche. Schärte der Gesichte! Nirgends ausholend, ausruhend auf dem Wort, und doch hellseherisch das Richtigste packend, mit einem Griff, einer bezeichnenden Gebärde, einem Gedankenblitz. Ohne sachwissenschaftliche Prätention strengste Sachlichkeit, nüchtern wie ein Holzschnitt, doch plastisch überzeugend, ohne Liebedienerei liebevolles Mitverstehen. Der Stil erzgestochen, von keuschester Wortknappheit, die Sätze aphoristisch gedrungen, gehämmert, inhaltschwer, oft seitenlang kein Relativsatz, stellenweise gesteigert bis zur gesuchten Stilknappheit, ja bis zur schmerzhaften Kurzatmigkeit verengert. Hier wirkt die ״neue Sachlichkeit“ künstlerisch gestaltend, der Feuilletonist wird zum Essay* isten. Diese drei Ghettostudien über Wien, Berlin, Paris geben dem Skizzenbuch Relief und wesenhaften Eigenwert. Sie verdienen es, als klassischer Bildungsstoff in jedes Lesebuch für die höhere jüdische Jugend (wann werden wir dieses bekommen?) Aufnahme zu finden. Wertvoll, aufschlussreich, wenn auch nicht ganz in den Rahmen des Büchleins passend, ist auch der Schlussaufsatz über: Die Lage der Juden in S o w j e t r u s s 1 a n d. Ob die ziemlich pessimistischen Ansichten des Verf. über die jüdische Kolonisation in Südrussland und die Nichteignung der Juden für produktive Siedlungsarbeit im allgemeinen gerechtfertigt sind, mag billig bezweifelt werden. Die Schöpferarbeit, die ein junges Geschlecht auf dem geheiligten Boden Palästinas schon jetzt geleistet hat, beweist eher, dass das jüdische Volk jeder theoretischen Formel über Eignung oder Umbildung zum ackerbautreibenden Yolke Trotz bietet. Solange Sowjetmsslaiid nicht versagt, wird das jüdische Volk, an welche Stelle man es auch setzt, sozial aufbauend nicht versagen. Eine andere Frage bleibt, ob dort nicht höchste religiöse Werte auf ewig verloren gehen. Dr. A. Blau. Max Köhler, Beiträge zur neueren jüdischen Wirtschaftsgeschiehte. Die Juden in Halberstadt nnd Umgebung* bis zur Emanzipation. Verlag Karl Curtius Berlin 1927. Eine wertvolle Ergänzung zu B. H. Auerbachs Chronik der Halber- Städter Gemeinde bietet uns diese auf eingehenden Quellenstudien aufgebaute und übersichtlich geordnete Monographie. Die wichtige Frage, wieso wir um die Wende des 17. zum 18. Jahrhundert ein starkes Anwachsen der jüdischen Gemeinden finden, wird hier (S. 86) — wenn