Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1927-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1927) · p. Seite 442

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
14 (1927)
Issue
Heft 7-8 (Juli 1927)
Date
1927-07-01
Page
Seite 442 (sequence 114)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
89% known words query
IRI
…/2292929-2293050-2293054--09226-2302510
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

442 Büeherbespreclmngen des Ostjaden in den Wirtsländern: Oesterreich, Deutschland,Frankreich, wo er eben erst Fass zu fassen und neue Daseinsformen zu entwickeln begönnen hat. Es wird also hier zum ersten Male ein Bild des in Wien, Berlin, Paris in Entstehung begriffenen Ghettos zu schaffen versucht. Das Modell bildet der Ostjude von Unterwegs, es ist sozusagen eine Biologie des Ostjuden in der Fremde, seines Kampfes mit neaen Existenzbedingungen, neuen Polizeibehörden und Passschikanen. Der Verfasser schreibt diese Biologie für Menschen, die Achtung haben vor menschlichem Schmerz und Leid, wenn sie auch oft im schmutzigen Kleide sich darbieten, er bietet jüdische Schicksale in Kleinmünze, die der Grösse und Tragik nicht entbehren. Die Unmittelbarkeit und das Zupackend-Zufällige des Beobachteten verleihen dem Büchlein den höchsten Erlebnissreiz. Man fühlt den fliegenden Pnlsschlag des ruhelos Beobachtenden. Das Büchlein ist komprimiertester Geist, feinnervigste, liebevolle Analyse ostjüdischer Menschlichkeit. Vor allem räumt Verf. auf mit der lächerlichen Selbstüberschätzung des westeuropäischen Juden, der wegen äasserer Kulturgüter der ״bessere Mensch“ zu sein sich anmasst, der seine ״Brüder aus dem Osten“, wenn sie za ihm kommen, wie herabgekommene, ungebetene Gäste begönnert. Es wird gezeigt, wie der wandernde Emigrant von Gestern der wohlerzogene Bankier, Unternehmer oder auch tüchtige Handwerker von Heute wird, der Mann mit staatserhaltender Gesinnung und gepflegten Gesellschaftsfonnen, und welch törichtes Unterfangen es ist, Grenzwälle zwischen Ost und West anfzurichten. Das Büchlein, skizzenhaft in der Entstehung, hat doch eine gewisse Planmässigkeit der Anlage. Ein vorbereitendes Kapitel (״Das jüdische Städtchen“) gibt eine Heimatstadie über alle Typen einer ostjüdischen Kleinstadt mit vorwiegend jüdischer Bevölkerung, alle Berufsklassen treten in wesenhaften Zügen dem Leser entgegen, kein Beruf ist vergessen, auch nicht der Bettler (wir hätten eher gesagt: ״Schnorrer“), Totengräber, Beschneider, Grabsteinhauer, Vorbeter, Batlen, Wasserträger, Schankwirt, 1 ächter, Müller und noch andere, von den bürgerlich Arrivierten bis herab zum ärmsten proletarischen Gelegenheitsarbeiter. Diese Aufzähluüg gibt allerdings kein Bild von der Lebendigkeit der Farbenmischung. Trotz herbster Wortkargbeit werden auch die Fäden ihres Seelischen, ihrer metaphysischen Existenz gleichsam blossgelegt, die sozialen Gärungen, die Gruppen für und gegen den Chassidismus, die heroische Glut des Zaddik- Anbeters wie die wundervolle Glaubensinnigkeit und -einheit im Leben und Geschehen der arbeitenden Klassen, dies alles in Momentbildem von solcher Eindringlichkeit and solch blitzliehtartiger Schärfe, wie sie manche romanhaft aufgemachte Kultur- Schilderungen kaum vermitteln können. Jedoch das eigentlich Originelle und Dankenswerte liegt in den nachfolgenden Abschnitten über das westliche Ghetto in Wien, Berlin, Paris. Hier ist unsres Wissens ein erster Versuch gemacht, dieser viel geschmähten,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.