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Jeschurun · 1927-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1927) · p. Seite 367

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
14 (1927)
Issue
Heft 7-8 (Juli 1927)
Date
1927-07-01
Page
Seite 367 (sequence 39)
Language
German
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Die Stellung Schopenhauers zum Judentum 367 Judentum wurzelt, wie früher schon bemerkt wurde, in seinem Mangel an historischem Sinn. Die Geringschätzung der Geschichte bildet überhaupt ein Charakteristikum seines Systems, und auch darin offeiibart sich der tiefe Gegensatz zur jüdischen Weltanschauung. Nach Schopenhauer hat die Geschichte keinerlei philosophische Bedeutung und keinen wissenschaftlichen Wert. ״Die Wissenschaften, sagt er, da sie Systeme von Begriffen sind, reden' stets von Gattungen; die Geschichte von Individuen.“ Die Wissenschaften reden von dem, was immer ist, die Geschichte hingegen von dem, was rur einmal und dann nicht mehr ist. Es gibt deshalb keine Universalgeschichte, sondern nur einzelne Begebenheiten und Individuen. Er spottet über den angeblichen Pragmatismus in der Geschichte und über das durch die geistesverderbliche und verdummende Hegel’sche Afterphilosophie aufgekommene Bestreben, die Weltgeschichte als ein planmässiges Ganzes aufzufassen oder, wie sie es nennen, ״sie organisch zu konstruieren“. Diese Anschauung ergibt sich mit Notwendigkeit aus seinem Grundprinzip. Wenn alles aus einem Urgrund entstanden ist, der blind und unvernünftig ohne Ziel und Zweck schafft, wie soll in das Ganze der Menschheitsentwicklung Sinn und Vernunft kommen? Im vollen Gegensatz hierzu sieht das Judentum in der Entwicklung der Dinge einen schöpferischen Plan Gottes. Die Idee der Weltgeschichte stammt aus dem jüdischen Prophetismus, sie war den antiken Völkern fremd, weil sie in einem beschränkten Partikularismus befangen waren, weil ihnen die Idee der Menschheit im jüdisch-biblischen Sinne fehlte. Für die Propheten ist der Gott Israels der Gott aller Völker, sie weissagen auch über andere Nationen und fordern von ihnen Unterordnung unter die Forderungen der allgemeinen Moral. Und als Endziel aller Entwicklung erscheint bei ihnen die Anerkennung des einzigen Gottes und die Verbrüderung der Nationen. Und hier tritt ganz besonders das Trostlose und Niederdrückende des Schopenhauerschen Systems hervor gegenüber der erhebenden Lehre des Judentums: dort eine von Leiden und Qualen erfüllte Welt, ein sinnloses Auf- und Abwogen der Ereignisse, hoffnungslose Verzweiflung und Lebensverneinung;

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