Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 14 (1927)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1927)
- Date
- 1927-07-01
- Page
- Seite 362 (sequence 34)
- Language
- German
- Belongs to
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362 Die Stellung Schopenhauers zum Judentum und nicht den Hass dachtragen“, das weiss Schopenhauer nicht oder er ignoriert es. Allerdings ist Gerechtigkeit die Grundlage des Gesetzes, und jene Liebe selbst ist ein Teil der Gerechtigkeit, die wir dem Nächsten schulden, sie entspriDgt dem Pflichtbewusstsein. Aber Schopenhauer will als Grundlage der Moral das Mitleid aufstellen, das, wie er sagt, nur in dem judaisierten Europa nichts als solche angesehen werde. Aber das Mitleid ist, wie alle Gefühle, nur eine sehr schwache Stütze für die Sittlichkeit. Schopenhauer weiss auch nichts davon, dass das Judentum auch die Tiere gegen Misshandlungen schützt. Die vermeinte Rechtlosigkeit der Tiere, sagt er, ist geradezu eine empörende Rohheit und Barbarei des Okzidents, deren Quelle im Judentum liegt. Selbst die Verachtung der Tiere bei Spinoza wird seinem Judentum zugeschrieben. Aus der heiligen Schrift lassen sich nach Seh, gar keine Beweise für die Schonung der Tiere beibringen, und nur eine Stelle in den Sprüchen Salomos sagt etwas dahin Gehöriges: ״Der Gerechte erbarmt sich seines Viehes“. Aber hören wir, wie er über diese Stelle urteilt. ״Erbarmtl Welch ein Ausdruck! Man erbarmt sich eines Sünders, eines Missetäters, nicht aber eines unschuldigen, treuen Tieres, welches oft der Ernährer seines Herrn ist und nichts davon hat als spärliches Futter. ״״Erbarmt““! Nicht Erbarmen, sondern Gerechtigkeit ist man dem Tiere schuldig“. — Zuvörderst ist nun jene Stelle falsch übersetzt. Es heisst gar nicht ״er erbarmt sich“, es heisst vielmehr יודע, er kennt, er beachtet das Begehren seines Tieres, was doch etwas ganz Anderes bedeuten will, was auf ein inniges Mitgefühl mit dem Tiere hinweist. Sodann aber zeigt sich gerade hier so recht die Oberflächlichkeit Schopenhauers bei der Beurteilung des Judentums. Es gibt wohl kaum eine Religionsgenossenschaft, die so viele vernünftige Vorschriften zum Schutze der Tiere erlassen hätte wie das Judentum, wenn es auch allerdings nicht, wie die von Sch. so verherrlichten indischen Veden, Tier und Mensch als in ihrem Wesen identisch erklärt. Schopenhauer hätte nur seine Bibelübersetzung aufzuschlagen brauchen, um diese Vorschriften zu finden. ״Wenn du den Esel deines Feindes erliegen siehst unter seiner Last, und du würdest