Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 14 (1927)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1927)
- Date
- 1927-07-01
- Page
- Seite 359 (sequence 31)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2292929-2293050-2293054--09143-2302427- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Die Stellurfg Schopenhauers zum Judentum 35» lust und Schmerzes an Zahl wie an Stärke weit mächtiger sind als die angenehmen Empfindungen, dass die Welt weit mehr und heftiger gequält als erfreut werde und dass man mit Petrarca sagen müsse: Tausend Genüsse können nicht eine einzige Qual aufwiegen. Kurz gesagt: die in der Welt vorhandene Summe der Unlust ist in jedem Augenblick grösser als die der Lust. ״Das Wohlsein ist bloss negaiiv. Daher eben werden wir der drei grössten Güter des Lebens, Gesundheit, Jugend, Freiheit nicht als solcher inne, solange wir sie besitzen, sondern erst, nachdem wir sie verloren haben. Denn auch sie sind Negationen.“ Diese Deduktion geht von dem Gedanken aus, dass jeder Genuss, jede Freude den Charakter der Wollust haben müsse. Die Welt hat nicht genug solcher mühelosen, raffinierten und üppigen Genüsse, welche die Genussgier zu befriedigen geeignet sind; darum ist sie schlecht. Die Genussucht also ist der Nährboden, auf welchem dieser Pessimismus emporwächst. Dieser Anschauung nun ist das Judentum diametral entgegengesetzt. Denn das Judentum betrachtet die Welt nicht als ein Mittel zur Genussbefriedigung, es erkennt in dem Leben vielmehr eine Aufgabe. Wir sind nicht hier auf Erden, um in dem Gefühl der Wollust zu schwelgen, um von einem Sinnenreiz zum andern zu eilen, sondern um uns als Menschen zu bewähren, um eine sittliche Vollkommenheit zu erlangen. Und darum ist auch das Leid als ein Mittel zur sittlichen Läuterung gut, d. h. zweckentsprechend. Und gerade zu jenem מרב מאד, das so oft die Zielscheibe von Schopenhauers Spott bildet, bemerken die Midraschlehrer, dass damit auch die Leiden der Welt gemeint sind, זה המות, זה יצר הרע, dass es sich auch auf den Tod, auch auf den Trieb zur Sünde beziehe, dass also jenes טוב מאד nicht etwa oberflächlich und mit einem leichten Achselzucken über jene unendlichen Leiden hinwegsieht, dass es ihnen vielmehr scharf ins Auge blickt, und dass es wahr bleibt trotz dieser Leiden. Denn über allen Schicksalen des Menschen erhebt sich in seiner Erhabenheit der Gedanke der Pflichterfüllung; er ist dar moralische Stützpunkt, der den Menschen stets aufrechterhalt, der Rettungsanker, der ihn in allen Lebenslagen vor