Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 14 (1927)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1927)
- Date
- 1927-07-01
- Page
- Seite 356 (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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356 Die Steilung Schopenhauers zum Judentum Schon Kant habe dem jüdischen Theismus in der Philosophie ein Ende gemacht. Schopenhauer meint, dass schon die Ausbreitung der Naturwissenschaften, namentlich die Popularisierung der Astronomie, den Theismus verdrängen müsse; denn das kopernikanische Weltsystem nimmt den Himmel weg, und, so fragt er, wie soll ein Gott im Himmel sein, wenn kein Himmel da ist? — Schopenhauer stellt ferner die moralische Verantwortlichkeit als unvereinbar dar mit der Schöpfung aus dem Nichts, wie das Judentum sie annimmt. Wenn der Mensch aus Nichts von einem Gott geschaffen worden ist, so fällt die ganze Verantwortlichkeit auf den Urheber zurück, der ihn so und nicht anders gemacht. Allein es ist unrichtig, dass das Judentum bei dem Menschen eine Schöpfung aus dem Nichts annimmt. Aus dem Nichts ist nur die Materie entstanden, der Mensch aber besteht aus dem materiellen Körper und der göttlichen Seele. Diese Seele aber ist geschaffen im Ebenbilde Gottes, sie ist gleichsam ein Teil des göttlichen Wesens, sie hat darum moralische Freiheit, denn darin besteht eben neben der Vernunft jene Ebenbildlichkeit Gottes. Die Seele aber ist nicht aus dem Nichts entstanden, sie war vor ihrer Vereinigung mit dem Körper und wird auch nachher sein. Das kann aber Sch. nicht zugeben, weil er dem Judentum den Unsterblichkeitsglauben überhaupt abspricht; ein Punkt, auf den wir noch zurückkommen werden. — Was übrigens die Schöpfung der materiellen Welt aus dem Nichts betrifft, die Sch. immer und immer wieder als undenkbar bezeichnet, so ist hiergegen eine tiefsinnige Bemerkung von ihm selbst anzuführen über die Bedeutung dieses Nichts. Er sagt mit Recht, dass der Begriff des Nichts wesentlich relativ ist und immer sich nur auf ein bestimmtes Etwas bezieht, das er negiert. Näher betrachtet aber ist kein absolutes Nichts, kein ganz eigentliches nihil negativum, auch nur denkbar. Jedes Nichts ist ein solches nur im Verhältnis zu etwas Anderem gedacht und setzt dieses Verhältnis, also auch jenes Andere, voraus. Da Raum und Zeit die Formen unserer Vorstellung sind, so muss für uns alles irgendwo und irgendwann sein, und wenn wir nicht mehr angeben können, wo und wann etwas sei,