Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 14 (1927)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1927)
- Date
- 1927-07-01
- Page
- Seite 353 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/2292929-2293050-2293054--09137-2302421- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Die Stellung Schopenhauers zum Judentum 353 Kant hatte gezeigt, dass Raum und Zeit nicht ausser uns be- ‘stehen, dass es nicht Eigenschaften sind, die den Dingen, die wir wahrnehmen, zukommen, dass es vielmehr nur die Formen sind, in denen wir die Dinge wahrnehmen. Raum und Zeit sind nicht an den Dingen selbst, sie sind nur in unserem Verstände, und alles, was wir von den Erscheinungen der Aussenwelt erkennen, muss zuerst in diese Formen gegossen werden, damit es unserem Fassungsvermögen zugeführt werden kann. Wie aber die Dinge an sich selbst beschaffen sind, das wissen wir nicht und können es, wie Kant sagt, auf wissenschaftlichem Wege auch niemals erfahren. Dieses Ding an sich nun, das von Raum und Zeit unabhängig und in allem Wesen das gleiche ist, bezeichnet Schopenhauer als den Willen. Er meint damit den Willen zum Dasein und zu allen möglichen Betätigungen desselben, also den Willen zum organischen Dasein, zum Leben, den dunklen Lebensdrang. Dieser Wille nun, den wir aber nicht etwa als Gott oder als Weltseele uns denken dürfen, ist in allen Dingen der gleiche, in der organischen wie in der unorganischen Welt. Er äussert sich in dem Stein als Schwerkraft, in der Pflanze als Streben nach Wachstum, in Mensch und Tier als Wille zur Erhaltung und Fortpflanzung des Lebens. Die Lehre Schopenhauers ist also pantheistisch oder, besser gesagt, atheistisch. Der Wille ist die Urkraft, die in allem vorhanden ist, und ausser dieser gibt es kein höheres Wesen. Sie ist aber auch materialistisch. Denn dieser Wille, der in allem und jedem das Ursprüngliche ist, ist blind und unvernünftig, ohne Zweck und Ziel wirkend; der menschliche Intellekt kommt erst hinzu und hört mit dem Tode auch wieder auf. Er ist überhaupt ein organisches Produkt, und das Gehirn verhält sich zu den Vorstellungen wie die Speicheldrüse zum Speichel, die Leber zur Galle, der Magen zur Verdauung. Eine Welt, die einer solchen blind wirkenden Kraft ihr Dasein verdankt, ist folgerichtig auch eine durchaus schlechte, und 80 ist die Weltanschauung Schopenhauers eine pessimistische. Leben heisst Leiden; die Leiden im Leben übersteigen die Genüsse hei weitem, das Leben ist, wie er sagt, ein Geschäft, das die