Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 14 (1927)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1927)
- Date
- 1927-07-01
- Page
- Seite 352 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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352 Die Stellung Schopenhauers zum Judentum so viele erleuchtende Gedanken, so feine Lebensbetrachtungen, dass man seinem Genie immer wieder Bewunderung zollen muss. Schopenhauer ist ein Gegner, ja, ein erbitterter Feind des Judentums; aber es lohnt sich wenigstens sich mit einem solchen Gegner auseinanderzusetzen. Die Lehre Schopenhauers vom Willen zeigt gewisse Anklänge an die Philosophie Salomo ibn Gabirols, der auch den schöpferischen Willen als den Urgrund der Welt, die Quelle des Lebens, der Entwicklung und der menschlichen Erkenntnis bezeichnet hatte. David Ascher, einer der Jünger Schopenhauers, hatte in einem Artikel ״Salomo ibn Gabirol in seinem Verhältnis zu Schopenhauer״ die Vergleichs״ und Differenzpunkte zwischen beiden dargestellt. Die Antwort, die Schopenhauer an Ascher schrieb, ist zugleich ein Dokument seines Selbstbewusstseins und seiner drastischen Art. ״Allerdings kann er als mein Vorgänger angesehen werden, da er lehrt, dass der Wille alles in allem ist, tut und macht: damit ist aber auch seine ganze Weisheit zu Ende: denn er lehrt es nur so in abstrakto und wiederholt es tausendmal. Zu mir verhält er sich, wie ein nachts unter dickem Nebel leuchtender Glühwurm zur Sonne״. Die Gegnerschaft Schopenhauers gegen das Judentum beruht zum Teil auf der Unkenntnis seiner Lehre und seiner Literatur; in wesentlichen Punkten allerdings steht seine Philo- Sophie in schroffem Gegensatz zu der Weltanschauung des Judentums. Der Gegenstand unserer Betrachtung ist zunächst diese Philosophie; im Verlauf der Ausführungen wird sich indessen auch Gelegenheit bieten die Fragen zu berühren, wie Schopenhauer die Juden selbst beurteilt, was er von ihren Vorzügen und Fehlern hält und wie er ihr Verhältnis zu den Andersgläubigen betrachtet. Zum allgemeinen Verständnis wird es notwendig sein die Umrisse des Schopenhauer’schen Systems mit einigen Strichen zu zeichnen, wenn auch freilich das Bild ein sehr unvollständiges sein wird. Die Lehre, die Schopenhauer in seinem Hauptwerk ״Die Welt als Wille und Vorstellung״ dariegt, kann man in erster Linie bezeichnen als Voluntarismus oder Willensphilosophie.