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Jeschurun · 1927-05-01 · Heft 5-6 (Mai 1927) · p. Seite 225

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
14 (1927)
Issue
Heft 5-6 (Mai 1927)
Date
1927-05-01
Page
Seite 225 (sequence 19)
Language
German
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Zum Wesen der jüdischen Aesthetik 225 Natürlich wird die Aesthetik des Scheins über eine solche Aesthetik sittlicher Kraftentfaltang lächeln. Aber man darf erinnern, dass z. B. schon Nietzsche umgekehrt über die ״Aesthetik des ausgehängten Willens“ gespottet und von einer ״Aesthetik des Rausches, des erhöhten Machtgefühls״ usw. gesprochen hat1). Oder dass Guyau2) es zum Wesen der Kunst rechnet, dass sie zum Handeln antreibt. Es bedeutet also gar keinen Bruch mit dem spezifisch Aesthetischen, wenn wir der Welt des Schönen eine Aufgabe zuteilen, die über das blosse Erleben des Aesthetischen hinauswächst. Allerdings ist durch die Verknüpfung der jüdischen Aesthetik mit der Welt des Sittlichen der Geltungsanspruch der jüdischen Kunst a priori beschränkt. In allen Fällen, wo die Kunst, statt der sittlichen Idee zu helfen, die vorhandenen Kräfte zu absorbieren droht, wird sie bescheiden zurücktreten müssen. So darf der Kunst beim G’ttesdienst nur soweit Spielraum gewährt werden, als eine Ablenkung von der religiösen Andacht nicht zu befürchten ist. Aber abgesehen von den Hemmungen, die der übergeordnete Gesichtspunkt der Religion hervorruft, soll sich die jüdische Kunst aus ihrer Tiefe heraus aussprechen und ihr Heiligstes geben. Denn auch wir brauchen die wahre Kunst, die unser Volk wieder zur Natur führt und die Seelen zur Einheit des Erlebens verknüpft. Yrjö Hirn leitet die Tatsache der Kunst aus dem Bedürfnis nach sozialer Uebertragung der Gefühle ab. Kunst ist demnach ein Kulturmittel der Volks- Verbrüderung, ein Organ der religiösen Idee, eine mächtige Helferin des sittlichen Fortschritts. Die Erkenntnis, dass das jüdisch-ästhetische Harmonieerleben von idealer Bedeutung ist, erweitert sich also noch um die Einsicht von der Idealität einer jüdischen sittlich fundierten Kunst. 1j Nietzsche, ״Zur Genealaogie der Moral“, S. 105 ff.; «Zur Phy- Biologie der Kunst“, S. 375ff. u. a. 2) M. Guyau, ״Les problemes de 1’ esthetique contemporaine“. 2

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