Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 14 (1927)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1927)
- Date
- 1927-05-01
- Page
- Seite 224 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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224 Zum Wesen der jüdischen Aesthetik Gefühlsakt gibt es daher für den Juden eigentlich nicht. Denn, enthält das Objekt blosse Schönheit, so stört der Maugel an sittlichem Gehalt den Genuss des Aesthetischen; ist aber der ethische Wert vorhanden, so weitet sich das Schauen der Schönheit zu einem überästhetisch-religiösen Harmonieerleben der Wirklichkeit. Das ideale jüdisch-ästhetische Verhalten stellt also ein synthetisches Erfassen der Wirklichkeit dar, der sinnlichen und sittlichen Gegebenheit. Ein solches Erkennen des Verbundenseins geistiger und sinnlicher Schönheit entzündet erst jenen Enthusiasmus der Seele, der das Schöpferische der Persönlichkeitsformung gebiert. Ein rein ästhetisches Kunstwerk ist wohl auch imstande, das Selbstschöpferische zu entflammen, wie Giordano Bruno begeistert verkündet. Aber die Tiefe und Kraft der religiösen Idealbewunderung allein vermag Seelen mit dem Feuer der Reinheit zu läutern und Persönlichkeiten von ewigem Ausmass zu schaffen. Der bloss sinnliche Reiz des Kunstwerks hingegen entbehrt der Urgewalt religiöser Bedeutsamkeit. Das jüdisch-ästhetische Verhalten ist demnach als Harmonieschau von Schönheit und Sittlichkeit der Idealzustand der unmittelbaren Weltbetrachtung. Es versetzt den Menschen nicht in die Region der Willenlosigkeit, des blossen Spiels; es bringt Stoff- und Gestalttrieb nicht in die indifferente Lage des Gleichgewichts, sondern begeistert für die Idee der Sittlichkeit, die sich in Schönheit hüllt, und spannt das sittliche Wollen bis zum Heroischen an. Schiller charakterisiert den ästhetischen Zustand als Versöhnung von Stoff- und Formtrieb* 1). Das biblische Attribut des Künstlers kennt keine derartige Koordination von Vernunft und Sittlichkeit. הכם לב ist der Mensch, dessen Stofftrieb (לב) bereits vergeistigt (חכם) ist. Das Ziel des ästhetischen Erlebens ist nicht der Zustand des Gleichgewichts der Triebkräfte, sondern die Aktivität des sittlichen Wollens, angeregt durch das Schauen von schöner Sittlichkeit. 1) Ygl. auch Hegel, Vorlesungen über die Aesthetik, 2. Aufi., Bd. I, S. 78 ff., 197 ff.