Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 14 (1927)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1927)
- Date
- 1927-05-01
- Page
- Seite 223 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Zum Wesen der jüdischen Aesthetik 228 das Prinzip des Aesthetischen rein und scheinhaft erlebt, sondern weil solche Schönheit als Ornament, als einem Zweckmässigen beigegeben, also in nächster Beziehung zum Lebendigen erscheint. Der Wirklichkeit3charakter und der Sinn solcher Schönheit ist durch den realen Zweck seines Trägers gewährleistet und nicht auf die Autonomie des Aesthetischen angewiesen. Die Schönheit eines Tallit führt kein ästhetisches Eigenleben, sondern ist Schmuck des religiösen Objektes. Die Pracht des Bet Hamikdasch ist nicht ästhetischer Selbstzweck, sondern Ornament der G’ttesstatte. Und gerade diese unlösliche Verknüpfung des Aesthetischen mit der Wirklichkeit verleiht dem Schönen eine ungeheure Erlebbarkeit, die der Intensität nach noch stärker ist als die eines isoliert geschauten Schönen. Denn das Schöne als absolute Bildhaftigkeit wird im Hintergrund der Seele immer das hemmende Gefühl einer Disharmonie erzeugen, eines Dualismus von Schein und Realität. Der Blick des Juden aber um« schliesst synthetisch die gesamte Welt der Erscheinungen zur Einheit der Wirklichkeit und gibt so dem Schönheitserleben die ungebrochene Kraft des Wirklichkeitserlebens1). Im System der Wirklichkeit hat also die Aesthetik ihren Platz. Aber sie ist gerade dadurch der Ethik als dem Prinzip des Lebens untergeordnet. Das Schöne besitzt nur einen Wert, wenn es sittliche Inhalte birgt. Nicht l’art pour l’art, sondern die Kunst des ethisch-bedeutungsvollen Gehalts! Der beziehende jüdische Geist verlangt vom Aesthetischen die positive Beziehbarkeit auf den absoluten Wert. Denn das Schöne ist nicht autonomer Schein, sondern Wirklichkeit. Im Aesthetischen muss das Sittliche bewusst erlebt werden. Einen bloss ästhetischen J) Die dargelegte Auffassung vom Wirklichkeitscharakter der jüdischen Aesthetik wird eindeutig bestätigt durch eine Betrachtung der hebräischen Ausdrücke für den Begriff des Schönen. יפה wird ethymologisch zusammengestellt mit den Bedeutungen ״passend“ und ״heil, ganz“, נאה bedeutet ebenfalls ״schön“ und ״geziemend“ (vgl. Gesenius, Hebr. u. aram. Handwörterbuch). Schon hieraus ergibt sich der Wesenszug des jüdischen Schönheitsgefühls. Der Wert des Schönen wird nicht als absolut, sondern als bezogen gedacht.