Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 14 (1927)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1927)
- Date
- 1927-05-01
- Page
- Seite 222 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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222 Zum Wesen der jüdischen Aesthetik der Tora selbst gesagt wird: ״ דרכיה דרכי, נועםIhre Wege sind die Wege der Schönheit“.1) Schönheit gilt also dem Juden als eine nicht hinwegzudenkerde Qualität des Wirklichen, damit aber ist ihr Sinn als Wertfaktor erschöpft. Schönheit ist die sinnliche Vollendung der Materie, aber nicht Vollendung in sieb. Schönheit ist geknüpft an das Lebendige; Schönheit, Y0m Lebendigen, Wirklichen abstrahiert, ist sinnlos. G’tt hat die Welt schön gemacht, hat dem Lebendigen eine Qualität mitgegeben, die die Majestät der Schöpfung nicht bloss bewundern, sondern lieben lässt. Wo aber existiert ein Schönes ausser dem von G’tt geformten Leben? Dem Schönen ist ein schlechter Dienst erwiesen, meint die jüdische Psyche, wenn der Mensch in eigener Schöpferkraft sie in tote Materie einpfianzt Schönheit ist nicht Leben des Marmors, sondern Leben der G’itesgeschöpfe. Schönheit ist die Pracht der Natur und die Herrlichkeit des Menschen. Schön ist, was lebt und das lebendige Fluidum der Schönheit ausstrahlt. Wozu sich in tote Schönheit ״einfühlen״, wenn lebendige Schönheit uns millionenfach umglänzt und magnetisch in Bann schlägt? Der Talmud ist erfüllt vom Entzücken über Schönheit; aber immer ist es nur das Lebendige, was ästhetisch wirkt2 3). Der ästhetische Sinn für Objekte der bildenden Kunst besitzt nicht die Stärke, das wahre Erleben von Schönheit zu vermitteln, weil eben die ästhetische Grund einstellung im Schönen nicht einen absoluten Schein, sondern eine Qualität des Lebendigen erblickt. Dass Schönheit an leblosen Stoffen nur in schwachem Grade ästhetisch wirksam ist, gilt allerdings mit einer Ein- Schränkung, die aber völlig in der Linie der entwickelten Betrachtungsweise des Aesthetischen liegt. Die Schönheit etwa eines Bauwerkes oder der Kleidung erzeugt auch im Juden den Zustand ästhetischer Befriedigung8). Aber nicht, weil er darin *) Prov. 8, 17. Vgl. die halachische Konsequenz dieser Anechauung in Sukka 82 a, Jebamot 87 b u. a. 2) Vgl. Bracb. 5b, 20a, Megilla 15a, Nedarim 9b, Baba Mezia 84 a, Aboda Sara 20 a. 3) Vgl. Berackot 57b: דידה נאה ואשה נאה וגלים נאים.