Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1927-05-01 · Heft 5-6 (Mai 1927) · p. Seite 221

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
14 (1927)
Issue
Heft 5-6 (Mai 1927)
Date
1927-05-01
Page
Seite 221 (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2292929-2293050-2293053--09004-2302287
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Zum Wesen der jüdischen Aesthetik 221 Schönen ohne das Sittliche und eine Welt des Sittlichen ohnn das Schöne gibt es für ihn nicht. Die scheinästhetische Betrachtungsweise trennt das Sittliche vom Schönen; sie ist imstände, das Schöne ästhetisch zu finden, auch wenn es unsittlich ist, und dem Hässlichen mit Sympathie gegenüber zu treten, wenn es sittlich wertvoll ist1). Der jüdische Mensch ist’auf das Totale, Geschlossene def Wirklichkeit eingestellt und vermag derartige Wirklichkeitsabgrenzungen nicht vorzunehmen. Das Ui moralische empfindet er unter allen Umständen als hässlich, und das Unästhetische erscheint ihm mangelhaft, auch wenn es sittliche Werte umschliesst. Das jüdische Synhedrion musste aus Männern zusammengesetzt sein, die von keinerlei körperlichen Fehlern behaftet waren, mochten sie auch sittlich die höchste Vollendung aufweisen.!2)כלך יפה רדתי ומלם אין בך Das gleiche wurde von den diensttuenden Priestern verlangt. Für den Hohepriester3) und den König4) wurde ausdrücklich Schönheit für nötig erachtet. Ein beispiellos gewaltiges Bekenntnis zur Idealität von Schönheit mit Sittlichkeit! Ueberaus massgebend ist der Halacha das Moment des Aesthetischen. Der Begriff des הדור מצרה, der Aesthetik in der Gebotserfüllung, ist zu einem selbstverständlichen Bestandteil des jüdischen Religionsgesetzes geworden. Wieder typisch jüdisch! 5) Einheit und Untrennbarkeit von Ethik und Aesthetik! Der Grundsatz 6) זה אלי ואנוהו ist ästhetische Norm und halachische Formel zugleich. Der ethisch-ästhetische Monismus der jüdischen Wirklichkeit offenbart sich aber am deutlichsten, wenn von *) ״Man nehme“, sagt Schiller, ״die Selbstverbrennung des Peregrinus Proteus zu Olympia; moraüsch beurteilt, kann ich dieser Handlung nicht Beifaü geben, ästhetisch beurteilt, gefällt sie mir.“ (Aesthetische Schriften.) 2) Cant7 ,4 ״; Sanhedrin S6 b, Kidduschin 76 b, Jebamot 101 a u. b. 3) Tor. Kob. zu III. 21,10. 4) Joma 78 b. 6) Keine andere Religion erhebt das Schöne zu solcher Bedeutung des Religionsgesetzlichen. 6) II. 15,2; Sabbat 133 b.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.