Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 14 (1927)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1927)
- Date
- 1927-05-01
- Page
- Seite 220 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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220 Zum Wesen der jüdischen Aesthetik dem Charakter ihrer Kunst und dem Charakter ihres Lehens J) ist letzten Endes durch den allgemeinen Charakter der neueuropäischen Kunst verursacht, wurzelt in der Aesthetik des autonomen Scheins, die das Schöne als Selbstzweck und sinngebendes Prinzip des Daseins anerkennt. III. Die Aesthetik des Judentums aber stellt sich als eine Aesthetik der lebendigen Wirklichkeit dar. Der Jude sieht im Schönen nicht eine neben oder über der Wirklichkeit schwebende Eigenwelt des Scheins, sondern ihm ist das Schöne ein Attribut der Wirklichkeit, eine ganz lebendig-wirkliche Eigenschaft der Dinge, eine reale Qualität, die eingebettet ist in den übrigen Seinskomplex der Welt. Das Schöne hat für ihn keine absolute Eigenexistenz als Schönes, kein Eigenleben als autonomes Prinzip. Es ist nur, weil es Teil hat am Leben. Es gibt kein Prinzip des Schönen, sondern nur ein Prinzip des Lebens. Das Prinzip des Lebens aber ist identisch mit der sittlichen Idee. Das Schöne existiert mitten in dieser Welt des Sittlichen, und es bezieht seinen Wert bloss vom absoluten Wert des Sittlichen. Einen absoluten Selbstwert des Schönen kann es im Kosmos der sittlichen Idee nicht geben. Als Phänomen der Wirklichkeit aber darf das Aesthetische mit dem ganzen Schwergewicht seiner realen Existenz Beachtung fordern. Der ästhetische Schein kann wie Gewölk zerblasen werden, die Schönheit der lebendigen Wirklichkeit ist unlösbar eingebaut in den Gesamtbestand der Dinge. Fehlt daher einem Objekt Schönheit, so fehlt ihm ein Stück der Wirklichkeit, es ist nicht mehr vollkommen. Der moderne Aesthetiker würde sagen: es ist ästhetisch unwirksam, aber seine reale Wirklichkeit ist davon unberührt. Der Jude jedoch sieht in der Schönheit einen Teil der Wirklichkeit selbst. Aesthetik und Ethik kann er sich empirisch nur verbunden vorstellen. Eine Welt des 1) Vgl. Tolstois sittliche Entrüstung über den Dualismus unserer Künstler.