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Jeschurun · 1927-05-01 · Heft 5-6 (Mai 1927) · p. Seite 219

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
14 (1927)
Issue
Heft 5-6 (Mai 1927)
Date
1927-05-01
Page
Seite 219 (sequence 13)
Language
German
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Zum Wesen der jüdischen Aesthetik 219 Region des Scheins1). Schopenhauer lässt den Willen im ästhetischen Zustand schweigen. Denn die Welt des blossen Scheins sei frei vom Mangel. Leibniz sagte vom Schönen, dass es in einer dunkel vorgestellten Harmonie bestehe. Richard Wagner sah das Wesen der Kunst darin, dass sie ״den bewussten Wahn an die Stelle der Realität setzt״. In allen diesen Definitionen des Aesthetischen spricht sich durch die Annahme einer ästhetischen Eigenwelt, der Sphäre des Scheins, eo ipso die Anerkennung des Selbstzwecks dieser Welt aus2). Gibt es aber einen sinnvollen Idealbezirk ausserhalb der Wirklichkeit, so gewinnt jede Lebensgestaltung auf seinem Territorium ebenfalls einen Sinn. Die Forderungen der Ethik sind in der trägen Wirklichkeit des Stoffes nur schwer realisierbar. Das seelische Wesen des Menschen drängt aber nach Sublimierung des Tierischen. Da eröffnet sich ein idealer Mittelweg, der beiden Wesenssubstanzen, der Leib und Seele, ״Sinnentrieb“ und ״Formtrieb“ gerecht wird, die abstrakte Region der Kunst. Der Mensch erhält die Möglichkeit, die ethischen Probleme des Daseins, die Veredelung seiner Persönlichkeit in einem Reich des Irrealen zu lösen. Kunst bietet sich ihm als Ersatzkomplex des Lebens dar. Schon die ästhetische Haltung der ״Willenlosigkeit“, die durch das Erleben des Scheins erzeugt wird, birgt die Gefahr, dass durch blosses Schein gestalten und Scheingemessen, wie es der Künstler fast dauernd übt, eine Passivierung und Verdorrung des sittlichen Willens erfolgt. Aber selbst abgesehen vom Moment der Willensausschaltung, die Möglichkeit, sittlich Wertvolles in der Kunst zu realisieren und dadurch die ethischen Triebkräfte zu entspannen, zieht den Menschen allzu leicht von der realen Gestaltung seines Wesens ab. Kunst wird mehr noch als Ersatz der Wirklichkeit, sie wird oft Ersatz für Religion und Sittlichkeit. Der häufig bemerkbare Dualismus im Wesen von Künstlern, der Zwiespalt zwischen *) Volkelt, ״System der Aesthetik“, I. S. 501 ff. 2) Vgl. ferner Lipps, ״Aesthetik“ I Teil, S. 157; II. Teil S. 36ff.

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