Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 14 (1927)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1927)
- Date
- 1927-05-01
- Page
- Seite 218 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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218 Zum Wesen der jüdischen Aesthetik unlebendige Gestaltmasse, die der bildende Künstler geformt, jeglichen Sinn. Nur dann gewinnt das Bildkunstwerk ein Eigenleben im Sinne einer höheren Wirklichkeit und damit einen Eigenwert, wenn Schönheit als ein von der groben Wirklichkeit ablösbares, autonom existierendes Prinzip des Lebens anerkannt wird. In welcher Form offenbart sich nun die Eigenlebendigkeit des Schönen? Welcher reale Seinscharakter kommt dem Schönen an sich, von seinem stofflichen Träger befreit, sinnlich gesehen^ zu? Die moderne Aesthetik führt als Antwort auf diese Frage den Begriff des ästhetischen Scheins an. Die reine Bildhaftigkeit, das über dem Stoff schwebende Scheinhafte ist das eigentliche Schöne. Erst wenn die Form als blosses Bild, als wirklichkeitsbarer Schein erlebt wird, ist das Erleben ästhetisch, wird das Schöne ästhetisch genossen. Je geringer der Wirklichkeits- Charakter des Kunstwerks, je intensiver der Schein, desto reiner ist der ästhetische Genuss. Und es ist sinnvoll, sagt die moderne Aesthetik, das Schöne rein ästhetisch zu geniessen. Denn die Welt des Schönen ist ein Seinsbezirk, der seinen Zweck in sich trägt. Seitdem Kant die Lehre vom ״interesselosen Wohlgefallen״ ausgesprochen und Schiller den Spieltrieb als das ideale Charakteristikum des ästhetischen Verhaltens verherrlicht hat, ist die Auffassung vom Selbstzweck des ästhetischen Erlebens immer wieder in den ästhetischen Systemen betont worden. So schreibt z. B. Richard Hamann in seiner ״Aesthetik״ :״Jenes Erleben ist ästhetisch, das in sich ruht, in sich beschlossen liegt, nicht Mittel zum Zweck, sondern Selbstzweck ist״. Von allen sonstigen kulturellen Lebensäusserungen müsse reine Aesthetik sich frei machen, meint Volkelt in seinem ״System der Aesthetik״; tue sie es nicht, dann sei sie nicht mehr reine Aesthetik. Jede Verquickung des Schönen mit anderen Lebenserscheinungen verwische den scheinhaften Charakter des Aesthetischen. Daher erhebt Volkelt die ״Herabsetzung des Wirklichkeitsgefühls״, die ״Entstofflichung des Schauobjektes״ zu einer ästhetischen Norm. Die Sphäre der künstlerischen Haltung sei eine über der Wirklichkeit lagernde