Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 14 (1927)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1927)
- Date
- 1927-05-01
- Page
- Seite 216 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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216 Zum Wesen der jüdischen Aesthetik wobenheit mit religiös-pantheistischer Grundstimmung möglich sei. Es ist aber undenkbar, dass sich aus einer so innigen Kunsthingabe, wie sie die Einfühlung voraussetzt und bestärkt, nicht eine noch tiefere Beziehung zur Kunst entwickelt, die schliesslich den Weg zwischen Pantheismus und Einfühlung in umgekehrter Richtung zu Ende geht. Durch ein sattes Kunsterleben wird sich ferner die Spannung nach dem Transzendenten hin lockern und die jüdisch-religiöse Erlebnissehnsucht vom Diesseitigen bezaubern lassen. So wird aus der Hingabe an die Kunst eine Vergöttlichung des Schönen hervorkeimen. Hellenischer Schönheitskult und bildende Kunst stehen eben in einer Wechselwirkung. Der Weg zur Akropolis ist gezeichnet durch die Statuen des Praxiteles. Dass der Jude überhaupt imstande ist, das Diesseitig-Schöne als göttlich zu erleben, beweist unsere Gegenwart besonders krass 1). Es ist daher tief einzusehen, weshalb das zweite Gebot des Dekalogs nicht nur die primitive Triebverirrung der Bilderanbetung, sondern in umfassender und grosszügiger Stellungnahme den gesamten Komplex der plastischen Kunst ablehnt. Es wollte von vornherein jedes Verhältnis zur bildenden Kunst und die damit verbundenen Gefahren dadurch ausschalten, dass es die Plastik, das typische Objekt des Eiofühlungsdranges, aus den Grenzen des jüdischen Lebens verwies. Das zweite Gebot richtet sich also nicht bloss gegen den blöden Götzendiener der Urzeit, sondern eben so scharf gegen den Natur- und Schönheitsanbeter etwa des hellenistisch eingestellten 20. Jahrhunderts. Die Gegensätzlichkeit zwischen ideal-jüdischer und bildästhetischer Wesensart wird aber durch die halachische Er- Weiterung des göttlichen Verbots noch deutlicher bezeugt. Wäre die darstellende Kunst dem Wesen de3 Judentums nicht heterogen, sondern bloss zufällig fremd, so wäre die Steigerung des Urverbots zu einem Verbot sämtlicher Zweige der Plastik eine 1J Vgl. Saul Tschernichowskis Bekenntnis zur Göttlichkeit des Schönen: ״Ich neige mein Knie vor der Statue Apollos; denn sein Standbild ist das Symbol alles Lichten im Leben. Ich neige mich vor dem Lehen, vor der Kraft, vor der Schönheit. . .* (Schirim S. 120 ff.)