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Jeschurun · 1927-05-01 · Heft 5-6 (Mai 1927) · p. Seite 215

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
14 (1927)
Issue
Heft 5-6 (Mai 1927)
Date
1927-05-01
Page
Seite 215 (sequence 9)
Language
German
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Zum Wesen der jüdischen Aesthetik 215 Auch die jüdische Seele kennt den Drang nach Harmonie. Aber dieser Drang hat eine zielbewusste Richtung. Er sucht nicht erst das Objekt, das Harmonie in sich verkörpert, denn er kennt es längst. Im Wesen G’ttes offenbart sich dem Juden die Einheit der Welt. Und wenn er diese Einheit erleben will, so muss er seinen G-’tt über die Natur hinaus erleben; denn sein G’tt steht über der Natur, er muss ihn erleben als das, was er seinem Wesen nach ist, nicht bloss als Gestalter der sichtbaren Harmonie, sondern vor allem als den Gesetzgeber der Welt. Das bedeutet: die jüdische Seele erlebt G’tt erst, wenn sie sich ihm sittlich unterworfen fühlt. Die jüdische Sehnsucht nach Harmonie kann sich also in der Hingabe an ein der sinnlichen Welt angehörendes Kunstwerk unmöglich befriedigen. Daher fehlt dem Juden die eigentliche Triebursache der Einfühlung, der pantheistische Erlebnisdrang nach dem ästhetischen Objekt hin. Es läge nun der Gedanke nicht fern, gerade weil der pantheistische Stimmungsgrund mit seinen seelischen Gefahren dem Juden fremd ist, von ihm eine rein ästhetische, absolut realistisch schauende Einfühlung zu fordern. Ein solches Verlangen aber ist zunächst psychologisch sinnlos, da ohne die Wurzel des Seelisch-Triebhaften die psychische Leistung der Einfühlung der Tiefe und Lebendigkeit entraten müsste. Ein solcher Verlust aber macht die ganze Einfühlung hinsichtlich ihres Wertes illusorisch. Es bliebe nichts übrig als der trockenwissenschaftliche Erkenntniswert, den die realistische Einfühlung vermitteln kann. Eine tief innere Bereicherung der Gefühlswelt wäre durch den Mangel an pantheistischer Erlebnissehnsucht ausgeschlossen. Aber das wäre noch kein Grund, die Einfühlung positiv abzulehnen. Zur Stellungnahme gegen sie zwingt eine weitere psychologische Ueberlegung. Es sei zunächst angenommen, dass Einfühlung in Objekte der Kunst rein ästhetisch, ohne Verals Voraussetzung des EinfUhlungstriebes. (W. Worringer. מ Abstraktion und Einfühlung״, S. 17.).

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