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Jeschurun · 1927-05-01 · Heft 5-6 (Mai 1927) · p. Seite 214

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
14 (1927)
Issue
Heft 5-6 (Mai 1927)
Date
1927-05-01
Page
Seite 214 (sequence 8)
Language
German
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214 Zum Wesen der jüdischen Aesthetik Ferner: Musik und Dichtung sind Künste, deren Dimension die Zeit ist. Nicht ein räumliches Ganzes wird mit einem Mal vor meiner Seele ausgebreitet, sondern Ton auf Ton und Wort auf Wort entfaltet sich die harmonische Architektonik des Kunstwerks. Der Geist braucht nie zu verweilen. Das Gefühl findet immer neue Formen zu seiner Anregung, und was es empfangen hat, verschmilzt von selbst mit dem Neuen zur Harmonie des Ganzen. Zwei Gründe sind es demnach, die dem Juden das ästhetische Verhalten gegenüber Musik und Dichtung ermöglichen: Das Fehlen des einfühlungsbedürftigen Objektcharakters und das Wesen der Zeitdimensionalität. Objektiver Raumkunst aber kann sich der Jude, wie gezeigt, infolge der spezifischen Struktur seines Denkens nur schwer hingeben. Die ästethische Norm der Einfühlung stösst aus rein psychologischen Gründen auf Widerspruch. Die ablehnende Haltung des Juden gegenüber der Einfühlung St aber noch tiefer als in der Sphäre des Könnens begründet. Sie entstammt dem Wesen seiner Beziehung zur Welt überhaupt. Die ideal-ästethische Einfühlung ist nur vollziehbar, wenn eine Wülenstendenz zu ästhetischem Gemessen vorhanden ist, mag sie auch nur vom Unterbewusstsein heraufdrängen. Immer aber wird im Schosse der Seele ein Hang zu ästhetischer Hingabe, ein dunkles Sich-Ergreifen-Lassen-Wollen wirken müssen. Dieses Tendieren nach dem ästhetischen Objekt entspringt in letzter Wurzel einer eigenartigen Lebensstimmung, einem schwärmerischen Harmoniebedürfnis, einem Aufgehen-Wollen in die göttliche Einheit des Alls. In der Harmonie des Kunstwerks tritt der Seele ein mikrokosmisches Abbild der Weltharmonie entgegen. Trägt nun der Harmonieerlebnisdrang pantheistischdiesseitige Färbung, so wird sich die Sehnsucht nach Verschmelzung mit dem Göttlich-Einen in das Kunstwerk ergiessen wollen. Denn das Absolute, dem die Seele sich nähern möchte, wird ja als der Welt des Sichtbaren immanent gefühlt. Der Pantheismus ist also der Stimmungsboden des Einfühlungsdranges1). 0 Auch Worringer bezeichnet das pantheistische Vertraulichkeits- Verhältnis zur Welt, das satte Harmoniegefühl im Erleben des Diesseitigen,

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